„Es ist sozusagen Euer Chateau d’Ardenne,“ sagte der belgische Herr, der von Schloß Buschland kam.
Wir wollten darum das Chateau d’Ardenne sehen und benutzten den sonnigen Septembertag und die Liebenswürdigkeit eines autobehafteten Freundes zu dem Ausflug in die belgischen Ardennen.
Der Vergleich stimmt einigermaßen, aber nur sehr verhältnismäßig. Das Schloß von Ardenne wurde von einem König für königliche Bedürfnisse und in königlichen Ausmaßen erbaut. Wir sind viel bescheidener. Aber wir haben die Mosel, das Schloß von Ardenne hat nur die Source Leopold, die man nicht sieht.
Aber der malerische Kontrast, den wir erlebten, lag anderswo.
Das Schloß von Ardenne ist in seiner Art ein belgisches Versailles. Groß genug, um königlich zu wirken, klein genug, um sich mit einem Blick umfassen zu lassen. Keine Grandes Eaux, aber ein Becken mit zwei schönen Bronzegruppen, keine Gärten à la Française, aber ein großer Park mit schönen alten Bäumen, der allmählich und unmerklich ins Ländliche übergeht, malerisches Auf und Ab des Terrains, Blick in blaue, wellige Fernen, ein Stück Luxus, traulich gebettet in bäurische Weiten. Weniger historisch, als Versailles, aber gemütlicher, individueller. Der Geist des toten Königs, der das Schloß erbaute, wohnt noch davin, aber er geht nicht darin um. Leopold II. soll seine großen Gedanken lieber sitzend ausgebrütet haben. Er war der modernste König, weil er auch ein Spekulant, Finanzmann und Anreger größten Stils war.
Heute herrscht ein andrer Millionenumrüttler in dem Schloß zu Ardenne und macht daraus einen Punkt in der Linie des internationalen Reiseverkehrs. Männer in Pludderhosen mit Quästchen an den Strümpfen, Frauen mit zu roten Lippen und zu feurigen Augen, italienische Kellner, die sich wie verarmte Prinzen geben, Golf, Tennis, englisches Billard, Romanatmosphäre - der Anny Wothe würden die Zähne wässern!
Sie warten auf den Kontrast?
Zwei Stunden später hielten wir auf der Straße hinter Bras.
Kennen Sie die Liß von Bras? Unsre Leser, die vielleicht als Zöllner seinerzeit dort herumkamen, kennen die Liß zweifellos. Witwe Thomas Wagner, négociant. Café de la douane. Ein Haus, noch ein Haus, und ein Häuschen. Quer gegenüber der braunangerostete belgische Grenzstein aus Gußeisen. Sonst nichts. Nur Gegend, wenig Kilometer rund herum, dann hört die Erde auf, man sieht gradeaus in den Himmel.
Hier schaltet und waltet die Liß. Es ist Kirmes. Sie geht herum, schiebt eine Torte nach der andern auf den Tisch, muntert auf: Eßt, Kinder, eßt! und lacht dazu und fährt mit den Händen herum, wo was wäre, zum anpacken.
Die Welt ist mit Brettern zugenagelt.
„Hier muß es im hohen Winter freundlich aussehen. Was tut Ihr da?“
„Da tut man gar nichts,“ sagt ein Gast. „Man bleibt beim Ofen sitzen oder geht ein bißchen wildern.“
Die Liß ist todtraurig, daß sie uns keinen von ihren berühmten Quetschschnäpsen ausschenken darf.
„Es ist einmal zu streng!“ sagt sie. „Aber es wird jetzt wieder anders, hab ich gehört.“
Die Liß ist voller Zuversicht.
Statt der endlosen Reihe- von Automobilen vom Schloß Ardenne stehen beim Liß sechs oder sieben Räder, deren Inhaber drinnen Bier oder Porto trinken. Und die Augenbrauen und Lippen und Haare haben alle Naturfarbe. Und bessere Apfeltorte backen sie auf dem Schloß-Ardenne ganz sicher auch nicht.
Wenn ich zu wählen hätte, ich weiß nicht, ob ich nicht lieber acht Tage beim Liß von Bras in ländlicher Versunkenheit, als im Schloß Ardenne in Luxus und vielleicht gegenseitiger Vorspiegelung allerhand falscher Tatsachen verleben möchte.