Rede an einen Krammetsvogel.
Lieber Krammetsvogel!
Da liegst du nun, tot, aber appetitlich, ein Opfer deiner Naschhaftigkeit, auf einem Bett von geröstetem Brot, das sich mit brauner Sauce vollgesogen hat. Und aromatische Wachholderbeeren liegen um dich herum und mischen ihren Duft mit dem deines zarten Fleisches.
Das hast du davon.
Du hast dir nicht nur, wie man auf französisch sagt, den Finger ins Auge gerannt, nein, beide Beine durch beide Augen, so tief, daß sie auf der andern Seite herausragen.
Zu den Dingen, die eigens da zu sein scheinen, um uns über das Ende der Ferien hinwegzutrösten, gehörst du. Kaum ist des Dienstes ewig gleichgestellte Uhr wieder aufgezogen, bist du da.
Du gehörst zu dem eisernen Bestand der europäischen Delikatessen. Büffon versichert, in Danzig allein essen sie jährlich deiner an die achtzigtausend Paare. Das war zur Zeit Büffons. Kein Wunder, daß du hier herum immer seltener und teurer wirst.
Die rätselhafte Barbarennatur des Menschen zeigt sich dir gegenüber in ihrer ganzen Kompliziertheit. Wir gedenken deiner mit gradezu zärtlichem Augenaufschlag, nennen dich mit Rührung im Diminutiv „e Kromesvillchen“ und verzehren dich skrupellos mit Haut und Haaren. So was kaun nur der Mensch. Die Katze, die eine Maus, der Löwe, der eine Gazelle, der Wolf der ein Lamm auffrißt, denken nicht daran, ihre Freßlust mit geheuchelter Zärtlichkeit zu vermümpeln. Die sollen allerdings keine Seele haben.
Du bist nicht nur lecker, du bist auch schön. Dein Kleid predigt eine der klügsten Lehren des guten Geschmacks: daß man in seinem Äußern nicht auffallen soll.
Eine minderwertige Seitenlinie, die Schwarzamsel, mischt sich manchmal in deine Gesellschaft. Mitgefangen, mitgehangen. Damit sie aber für voll genommen werde, zieht ihr der Delikatessenhändler den schwarzen Rock aus und legt sie mit ein paar gerupften Exemplaren deiner engeren Sippe ins Schaufenster. Man merkt, auch bei Euch machen Kleider Leute.
Wer in den Tafelfreuden Bescheid zu wissen behauptet, erklärt, man müsse dich bis auf den Schnabel ausschließlich aufessen. Das gibt dir Gelegenheit, dich manchmal an uns durch eine Blinddarmentzündung zu rächen. Mir ist, muß ich dir sagen, mein Blinddarm lieber, als der Ruf, ein tadelloser Gourmet zu sein.
Suche ich nach einem Vergleich für dich in einem andern Genußcompartiment, so denke ich an die Zigarette. Man ißt dich, aber man nährt sich nicht von dir. Neben dir ist das Rebhuhn mit Kraut die substantiellere Pfeife, die Schnepfe die teure Importe. Du bestehst eigentlich nur aus zwei Bissen und vier Bißchen, wie die Zigarette aus ein paar Zügen.
Außer dem, daß sie dich essen, sündigen die Menschen an dir durch schnöde Verleumdung, indem sie dir das Laster der Trunksucht andichten. Hat einer von ihnen eins über den Durst getrunken, so sagen sie von ihm - wiederum auf französisch - er sei betrunken, wie ein Krammetsvogel. Für sie ist der Vergleich jedenfalls schmeichelhaft, für dich nicht immer.
Nun, mein lieber Krammetsvogel, nehme ich von dir Abschied, wenn man dies so nennen kann. Lebe wohl, und nichts für ungut.