Beim Namen Victor Ferrant wird jedesmal in unserer Vorstellung lebendig, was da fleucht und kreucht.
Seine Bekannten sehen ihn, wie er als kleiner Junge Würmer und Käfer, Schmetterlinge und Vögel, die andere aus kindischer Freude am Kaputtmachen fingen, in der hohlen Hand forschend betrachtete, bis ihm jedes Härchen und jedes Beinchen, jede Eigenheit vertraut war; wie er später auf seiner einsamen Mühle im Mamertal stundenlang sich in das Studium der lebendigen Natur vertiefte, bis ihm die wirre Fülle, die uns in der Hauptsache stets eine bunte Anonymität bleibt, sich zu wundervoller Ordnung verklärte, bis ihm aus allen Geheimnissen Klarheit wurde und aus aller Willkür Gesetzmäßigkeit.
Dann widerfuhr ihm das Glück - ihm und uns, dem Lande -, daß er an die Stelle gelangte, wo er für das Gefäß seines Lebens den idealen Inhalt fand. Er wurde Konservator des naturhistorischen Museums und später Leiter der phytopatologischen Station.
Unter ihm wurde aus der, wie das ganze Nationalmuseum, dilettantisch betriebenen naturhistorischen Abteilung eine Musteranlage, die mit ähnlichen Instituten des Auslands im Verhältnis und zuweilen über Berhältnis den Wettbewerb aufnehmen kann. Ihr Schöpfer und Leiter fand in der wissenschaftlichen Welt des Auslands eine Anerkennung, die ihren Wert daraus herleitet, daß sie von Fachleuten erster Ordnung gezollt wird.
An das alles muß erinnert werden, wenn man sich klar machen will, was es für uns bedeutet, daß Victor Ferrant sein reiches Wissen um die luxemburger Fauna in einem monumentalen Werk niederzulegen im Begriff ist.
Soeben hat der dritte Band die Pressen der Hofbuchdruckerei Bück verlassen: „Faune du GrandDuché de Luxembourg. par Victor Ferrant. - Troisième partie, Oiseaux.“
Der bauale Satz: „Dieses Buch dürfte in keinem luxemburger Hause“ fehlen,“ müßte für diese Gelegenheit neu aufgefrischt werden. Nie war er so wahr, wie hier.
Eine der schönsten, vielleicht auch uneigennützigsten Tugenden des Menschen ist die Neugier. Sie ist eine Form der Besitzergreifung, die den einen bereichert, ohne den andern zu berauben. Du gehst über Land spazieren, ein Vogel fliegt vorbei. Du siehst ihn, findest ihn merkwürdig, weißt aber nicht, wie er heißt, woher er kommt, wohin er fliegt, wovon er sich nährt, ob er unter den Vögeln ein guter Fridolin oder ein böser Dietrich ist. Du möchtest es aber wissen. Diese Neugier hat der Schöpfer in dich gelegt. Er hat die schöne wilde Welt um dich herum erschaffen, damit du Freude daran habest und sie somit möglichst gründlich kennen lernest. Sonst brauchte er sich die Mühe nicht zu machen.
Diesen Intentionen des Schöpfers kommt Victer Ferrant mit seiner luxemburger Fauna entgegen. Wenn Du Dir eine Gemäldegalerie ansiehst, kaufst Du Dir zu allererst einen Katalog. Sonst läufst Du Gefahr, das Schönste nicht zu bemerken und am Wertvollsten achtlos vorüberzugehen, und hinterher überhaupt nicht mehr zu wissen, was Du gesehen hast.
Die Fauna Victor Ferrants ist der Katalog zu der Tiergalerie des lieben Herrgotts rund um Dich herum.
Du hast Dir, sagen wir mal. das Rauchen angewöhnt, trotzdem es Dir anfangs keinen Spaß machte und es Dich bei den heutigen Preisen ein schönes Stück Geld kostet.
Gewöhne Dir doch lieber zum Beispiel die Freude an der Vogelwelt an, die kostet Dich gar nichts, nur einmal die Ausgabe für das Buch Victor Ferrants. Und Du ahnst nicht, welche Genugtuung es Dir verschaffen wird, in dem singenden, flatternden, geheimnis- und geräuschvollen, neuen und altvertrauten beschwingten Leben um Dich herum zuverlässig Bescheid zu wissen, von der braven Gluckhenne bis zum fliegenden Juwel, dem metallblauen Eisvogel, Keines fehlt, alle stehen sie da mit Pedigree und Zivilstand, und Steckbrief und allen Namen auf französisch, deutsch und luxemburgisch.
Dies Buch, wie alle aus der fünfbändigen Serie - zwei Bände stehen noch aus - ist eine Hausbibel, man sollte, nach der bekannten Redensart, Geld leihen, um es sich zu kaufen.