Original

6. Oktober 1926

Sie haben vielleicht noch kein Automobil und werden vielleicht, so unwahrscheinlich es klingt, auch nie eines haben.

Und trotzdem interessieren Sie sich für Automobile, reden darüber mit Freunden und Bekannten, diskutieren über die Vor- und Nachteile der Steuerung links und der Steuerung rechts, des offenen und des geschlossenen Wagens usw.

Also werden Sie auch einiges Interesse für einen kleinen Abstecher nach dem diesjährigen Automobilsalon in Paris übrig haben.

Denn die Augen der ganzen Kulturwelt sind zurzeit nach Paris gerichtet, wo das Allerneueste in Erzeugungen der modernsten aller modernen Industrien zusammengetragen ist. Das muß man einfach gesehen haben, um mitreden zu können.

Ist es nicht schon bezeichnend, daß in der Benennung dieser Ausstellung die Wörter Automobil und Salon zusammengekuppelt sind? Das Automobil, das auf die Straße hinaus gehört, in Staub und Dreck und Regen und Wind, erobert den Salon, wie ein Sportsmann, der tagsüber nach Stall und Heide duftet und abends im Frack die Damen bezaubert.

Der Pariser Automobilsalon ist die lehrreichste Veranstaltung dieser Art, die sich denken läßt. Wer ihn aufmerksam durchwandert hat, weiß nach rechts und links Bescheid - nur eins weiß er nich: Welchen Wagen er sich kaufen soll - vorausgesetzt, daß er das Geld dazu hat. (Ein Wagen kostet heute ja viel mehr, als früher ein Haus. Nichts ist bezeichnender für das Bewegungsfieber unsrer Zeit!)

Sonst aber weiß der Besucher des Pariser Automobilsalons alles.

Er weiß, daß in den Vereinigten Staaten jeder sechste, in Kanada jeder zwölfte, in Australien jeder fünfzehnte, in England jeder dreißigste, in Frankreich jeder fünfundvierzigste, in Deutschland jeder hundertundzehnte, in Italien jeder zweihundertzweiunddreißigste Mensch sein Automobil hat, und er kann sich ausrechnen, daß in Luxemburg ein Auto auf je sünszig Einwohner kommt, womit wir also an die sechste Stelle dieser Weltstatistik rücken.

Er weiß ferner, wodurch später einmal das Benzin ersetzt werden kann, wenn alle Vorräte verpufft sind oder wenn Amerika uns keines mehr verkaufen will.

Er weiß, daß jemand einen Kolben erfunden hat, der kein Geräusch mehr macht, daß die Sechszylinder triumphiert, daß es Pneumatics gibt, die sogar ein kleines Mädchen auf die Felge montieren kann; daß in England jüngst Pneumatics von 2.40 Meter Durchmesser für ein Riesentransportflugzeug gebaut wurden, daß die Carossiers schließlich nicht mehr wissen, was sie erfinden sollen, um das Auteln in ihrem Wagen immer mehr zu einer Wollust zu gestalten; er sieht die Bugatti, die dieses Jahr alle ersten Preise gewonnen hat, Targa Florio, A. C. F., Europa, Spanien, Italien, Weltmeister, Mailand usw. Er sieht die Clairalpax, die ein Glasdach hat, sodaß man von ihr aus die ganze Gegend bewundern kann, ohne vom Luftdruck belästigt zu werden, er sieht den Luxuswagen, der aus Eisenbeton besteht, er sieht die geistvolle Anordnung einer Beleuchtung, die dem Chauffeur die Straße erhellt, ohne die Entgegenkommenden zu blenden, er sieht die Torpedo-Sport Peugeot, deren blasenartiges Dach sich aufschlägt, wie ein Deckel - er sieht die unzähligen neuen Accessorien, die erst ihre Brauchbarkeit erweisen müssen, er stellt fest, daß das Wagendach dem Zug des Frankens folgt und immer niedriger wird, er sieht .........

Ich höre Sie fragen: „Wann waren Sie denn im Pariser Automobilsalon?“

Ich? Nie!

„Woher wissen Sie denn ....?“

Ei, ich habe mir bei Kraus für zehn Franken die neueste Nummer der Pariser „Illustration“ gekauft, da hatte ich den ganzen Automobilrummel und obendrein einige wunderschöne farbige Reisen, eine nach Martigues, eine zu den alten Schlössern der Normandie, eine an die Riviera, eine im Boot um die Ile de France, eine in der alten Postkutsche von Paris nach Poitiers und dieselbe nochmal im Automobil.

Billig, nicht?

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    Katalognummer BW-AK-014-3261