Was die abendliche Unterhaltung der Dorfburschen so anziehend machte, war ihr sachliches Wissen um alles, was in ihren Arbeits- und Pflichtenkreis fiel. Alle Materialitäten ihres Daseins standen vor ihnen in klaren Umrissen. Es kam vor, daß einer zu flunkern versuchte. Er wurde kurz und ohne viel Federlesens beiseite geschoben, und wenn er laut aufbegehrte und auf seiner Rede bestand, lachten sie ihn aus. Dann versuchte er nicht weiter, Anerkennung zu finden und beschied sich bei seiner Abfuhr.
Einer hatte sich ein Haus gebaut. Es war unheimlich, wie er in allen Einzelheiten Bescheid wußte: Wo man den besten Kalk, die besten Bauziegel, die besten Steine bekam, wie man sich anzulegen hatte, um billig zu dem nötigen Holz- und Eisengebälk zu kommen, welche Vorzüge und Nachteile Schiefer, Ziegel und Eternit hatten usw. Über alle diese Punkte wurde mit positiver Sachkenntnis diskutiert, man summierte alle Erfahrungen, die bald der eine, bald der andere gemacht hatte. Widerspruch sprang auf: „Wat seesch dou elo!“ Es klang wie blutdürstende Abwehr gegen tödliche Beleidigung und betraf doch nur die Frage, ob ein aufrecht stehender Balken genüge, eine Waggonladung Braunkohlenbrikettes zu tragen: „Mei le’we Jong! Der Deiwel wääß vill, iewer e wääß net, we’ starrek aß Holz aß, wann et obrihts stäht! Verhal dat elo geut!“
Sie haben im Kampf ums Brot mit einem Gegner zu tun, der sich kein X für ein U machen läßt. Die gute Mutter Natur ist eine Rabenmutter, die am liebsten ihre Kinder auffräße, wenn sie übler Laune ist. Sie müssen sich auf Schritt und Tritt gegen sie wehren. Sie läßt nicht mit sich feilschen: Aug um Aug, Zahn um Zahn! Darum müssen sie in allen Sätteln gerecht sein. Alles Technische ist ihnen unmittelbares Erlebnis. Die Teilung der Arbeit ist bei ihnen nur dürftig durchgeführt. Bis aufs Schustern und Schneidern ist ihnen jedes Handwerk mehr oder weniger vertraut.
Während mich die Zeit des Ausspannens in ihre Mitte geführt hatte, las ich eines Tages in einem Buch von John M. Synge „The Aran Islands) (Inselgruppe an der Nordwestküste von Irland) folgende Stelle:
„Es ist wahrscheinlich, daß die Intelligenz und das Sympathische bei diesen Leuten zu einem großen Teil zurückgeht auf das gänzliche Fehlen der Arbeitsteilung und die dadurch bedingte starke Entfaltung jeder einzelnen Persönlichkeit, deren vielfältige Kenntnis und Geschicklichkeit eine große geistige Regsamkeit voraussetzen. Jeder spricht zwei Sprachen. Jeder einzelne ist ein fertiger Fischer und weiß ein Boot mit außergewöhnlicher Energie und Gewandtheit zu führen. Er versteht die Landwirtschaft, kann Fußleder zurechtschneiden, Netze flicken, Häuser bauen und mit Stroh decken, eine Wiege oder einen Sarg zimmern. Seine Beschäftigung ändert mit den Jahreszeiten und so wird er nicht von Langeweile geplagt, wie andere, deren Arbeit sich immer gleich bleibt. Die Gefahr, der er auf offener See ausgesetzt ist, erzieht ihm die Schlagsertigkeit eines Jägers der Urzeit an, und die langen Nächte, die er beim Fischen in seinem Boot zubringt, erzeugen in ihm manchmal Gemütsbewegungen, wie sie dem eigen sind, dessen Leben den Künsten geweiht ist.“
Von den Aran-Inseln bis an die luxemburger Mosel ist ein weiter Weg und die Menschen dort und hier wissen nichts von einander. Aber dasselbe Leben hat sie zu denselben Wesen gemodelt.