Auf der Fensterbank, neben der ich mein Mittagsschläfchen hielt, krochen zwei Fliegen. Ich sah ihnen eine Weile zu. Es war ein heißer, schläfriger Tag. Die beiden Fliegen krochen langsam nebeneinander her. Es war um uns herum so still, daß ich die Fliegen miteinander sprechen hörte.
Die eine kannte ich. Es war eine Zimmerfliege, dieselbe, die sich mir jeden Tag, wenn ich am Fenster eindöste, auf die Nasenspitze setzte. Die andere kannte ich auch. Es war, die dicke Gartensliege, die ich aus Versehen einmal eingesperrt hatte und die nachher die Fensterscheiben hinauf und herunter summte und zornig protestierte, bis ich sie wieder hinausließ.
„Ich begreife nicht,“ sagte die Zimmerfliege, „wie es Ihnen da draußen behagen kann. So gar kein Komfort, keine geistigen Genüsse, nichts fürs Gemüt!“
Die Gartenfliege lachte höhnisch. Sie lachte so überzeugt, daß ihr ganzer Unterleib wackelte.
„Was für geistige Genüsse?“
„Ei, es wirkt doch geistig veredelnd, wenn man über die Buchseiten kriechen darf, auf denen so viele gescheite Dinge gedruckt sind. Und herrliche Bilder gibt es auch in Hülle und Fülle, über die es eine Lust ist zu wandeln. Und manchmal erlaubt mir unser Herr gar, seiner Füllfederspitze nachzukriechen, wenn er zum Beispiel einen Bericht über eine Stadtratssitzung schreibt. Sie glauben gar nicht, was man da für geistige Anregung empfängt!“
„Unsinn!“ brummte die Gartenfliege. „Aus Gedrucktem und Geschriebenem mache ich mir nichts, keinen Pfifferling! Glauben Sie denn nicht, daß es ein viel größerer Genuß ist, auf einem Rosenblatt herumzukriechen, als auf einem Stück Papier, das nach Druckerschwärze stinkt!“
„O, bitte sehr!“ tat die Zimmerfliege vornehm. „Wir haben ästhetische Genüsse zu verzeichnen, die dem Herumkriechen auf einem Rosenblatt in nichts nachstehen.“
„Zum Beispiel?“
„Zum Beispiel den Genuß, den es einem ästhetisch veranlagten - ich betone: ästhetisch veranlagten Wesen verschaffen muß, auf einem strammen fleischfarbenen Seidenstrumpf sich zu ergehen.“
„Erlaubt man Ihnen dergleichen?“
„Manchmal. Es kommt ja auch vor, daß sich ein Herr galant erweisen will und mit dem geballten Taschentuch nach uns wirft, aber das geht vorüber. Von der Dame selbst haben wir nichts zu fürchten, denn wenn sie uns totschlüge, hätte sie davon einen Fleck auf ihrem Seidenstrumpf. Und das darf nicht sein!“
„Wie kompliziert das alles ist!“ sagte verächtlich die Gartenfliege. „Wir draußen promenieren nicht auf fleischfarbener Seide, sondern auf echter sonngebräunter Haut, in der man das Blut rauschen hört.“
„Und dann,“ trumpste die Zimmerfliege auf, „bei uns da drinnen werden so feine, gebildete Gespräche geführt, die Leute erzählen von Paris und Wien und Amerika, und abends springen die Lichter auf, an die man ganz dicht herankann ...“
„Und bei uns da draußen scheint abends der Mond, und die Leute reden nicht von Amerika, sondern sie sagen am liebsten gar nichts und drücken sich die Hände und tun, als ob sie sich gegenseitig auffressen wollten. Küssen nennen sie das.“
„Oh, das tun sie auch bei uns, aber am liebsten ohne Licht.“
„Ihr könnt mir gestohlen werden mit Euerm Leben, das nur aus Fabrikware besteht. Ich bleibe draußen. Da gehöre ich zum Ganzen. Da drinnen sind Sie ein Eindringling. Ihnen passiert es noch ganz sicher, daß der graue Kater Sie auffrißt oder daß Sie einer zwischen Scheibe und Vorhang totdrückt.“
„Und Sie! Beim ersten Frost sind Sie geliefert!“
„Aber ich sterbe in Freiheit!“ sagte die Gartenfliege.
In diesem Augenblick juckte mich die Nasenspitze und ich sah im Erwachen grade noch, wie das verdammte Viest, das mich gestochen hatte, das Weite suchte.