Wenn das Jahr sich zum Ende neigt, find in der Reihe der Erfüllungen, die der Spätherbst bringt, immer zwei Erscheinungen, die den Tag beherrschen: die Kartoffel und der Wein, die eine, die des Leibes Notdurft befriedigt, der andre, der des Menschen Herz erfreuen soll, das Unentbehrliche für den Hunger und der Luxus für den Durst.
Ladies first! Die Kartoffel hat den Vortritt. Wenn sie schon längst vom Strudel des Umsatzes erfaßt ist, sammelt die Traube gierig noch jedes Sonnenstrählchen ein und saugt aus dem Boden das Letzte, was er hergibt, um vor dem Trinker mit Ehren zu bestehen. Und in der Stadt kreisen die Gedanken aller um die Kartoffel und die Gedanken vieler um den Weinstock. Sagen die einen erlöst: Die Kartoffeln sind geraten - so sagen die andern genießerisch: Diesmal gibt es wieder einen Tropfen, den man unverzuckert trinken kann.
Aber die Kartoffel hat wie gesagt den Vortritt. Ihre Popularität verrät sich schon darin, daß niemand während eines ausgiebigen Regens sich der Bemerkung enthalten kann: Dat geht bei d’Gromperen. Also das ist bei jedem Regen die Hauptsache, daß er den Kartoffeln zugute kommt. Der Bauernhumor erweitert die Bedeutung dieser meteorologisch-agronomischen Festellung sogar ins Gesellschaftliche, denn wenn einer ordentlich Prügel bekommen hat, heißt es auch, daß es ei die Kartoffeln“ gegangen ist.
Wer heute Kartoffel sagt, sagt Panik. Sowie die ersten Säcke auf dem Markt erscheinen, wird jede Hausfrau von der Angst um ihren Wintervorrat erfaßt. Die Kartoffelfrage ist hauptsächlich eine Frauenfrage. Daher die Panik. Die Männer behalten ruhig Blut, aber auch nicht lange. Sie werden von der ngst der Frauen angesteckt, und da sie das Geld schaffen sollen, geht ihnen die Angst ins Blut. Erst beruhigen sie sich gegenseitig mit dem Hinweis auf das Ösling. Wenn einmal der Schub aus dem Ösling kommt, tun die Preise einen Satz treppab. Dann heißt es: Im Ösling sind sie nicht geraten, der Zustrom vom Ösling her ist schon am Versiegen. Die Männer fluchen. Die Meldungen kreuzen und widersprechen sich. Niemand weiß genau Bescheid. Man sollte sagen, die Gegend hinter dem Erpeldinger Tunnel liege um den Nordpol herum. Frau Becker läutet im Stadtrat die Sturmglocke. Sie stellt Kartoffelrevolten mit Plünderung und Totschlag in Aussicht. Edward und Magnum Bonum werden für uns Erlösernamen, wie Mussolini und Herriot. Allmählich flaut der Sturm ab, und im Frühjahr liegen manche Keller voll von Kartoffeln, die in der Angst des Herbstes zuviel gekauft worden waren.
Die Magnum Bonum und Eduard der Mosel und Sauer sind Riesling und Kleinberger. Ihre Namen klingen nicht so aufrührerisch und erinnern an keinerlei Panik. Der Winzer kennt nicht die Sturmflut der Angstkäufe, die die Preise jäh in die Höhe treibt. Seine Angst geht nach der entgegengesetzten Seite, zumal heute.
Wegen der Kartoffel gerät gelegentlich die Volksseele ins Kochen, um den Wein sorgt sich die Allgemeinheit nicht besonders, und doch handelt es sich in diesem Kompartiment unserer Volkswirtschaft um Millionen. Doch ja, es scheint, daß bis zur Hauptstadt heran Lust und Leid der Mosel noch ein Echo finden, aber darüber hinaus nur noch ganz vereinzelt, bei diesem oder jenem Wirt, der selber an die Mosel fährt, um seinen Wein zu kaufen. Da hört man noch Fragen, wie: Sind sie noch nicht weich? Lassen sie sich noch nicht „fri-eden“? Und der Bescheid lautet womöglich noch widersprechender, als bei den öslinger Kartoffeln. Dieser will wissen, daß nichts gewachsen ist, jener hat ganze Striche gesehen, wo der Behang zwei Drittel Herbst verspricht, hier sind die Trauben, krank, faul, welt wie Leder, da strotzen sie vor Gesundheit, der eine fand sie zuckersüß, der andre verzieht das Gesicht, wenn er dran denkt. Und so müssen wir geduldig abwarten, bis ein Wirt das Schild heraushängt: Neuer Grächen - und wir meist ein Zeug zu kosten kriegen, vor dem alle Geißen mit zurückgelegten Ohren fliehen. Dieser Kindermord zu Bethlehem, der alljährlich mit den vorzeitig abgerissenen und gekelterten Trauben inszeniert wird, sollte von jedem Weintrinker mit Verachtung gestraft und lächerlich gemacht werden.
Aber es gibt immer Einfältige, die damit prahlen wollen, daß sie schon Neuer getrunken haben.