Wovon könnte man anders reden, als von der entsetzlichen Mordtat in Esch!
Im Schatten alles Großen bewegt sich ein Kleines, Kleinliches.
Das Menschlich-Kleinliche war und ist in diesem Fall, wie immer, das allgemeine Bedürfnis, a posteriori mit weisen Betrachtungen und Ratschlägen zu operieren. Den Toten hilft es nichts mehr, und die Lebenden können solche Berater auch entbehren.
„Da sieht man ...“ - „Man hätte müssen ...“ - „Ich wäre ganz anders ...“ - „Und warum hat man nicht ...?“ Und so weiter. Der Mann, der das Wenn und das Aber erdacht. - Hat sicher aus Häckerling Gold schon gemacht.
Man braucht nicht Fatalist zu sein, um zu behaupten, daß Fälle dieser Art im Ablauf alles menschlichen Geschehens unvermeidlich sind. Jeder Versicherungsaktuar wird Ihnen sagen, daß seine Wissenschaft mit Bestimmtheiten rechnet, die der Laie als Zufall bucht. Wo ein Mensch und eine Treppe zusammen sind, kann man ebenso sicher sein, daß die Treppe nie den Menschen binunterfällt, wie daß der Mensch im Lauf seines Lebens wenigstens einmal die Treppe hinunterfallen wird. Man kann sagen: Niemand darf in einen Betrieb mit einer Handwaffe hinein, so besteht die absolute Sicherheit, daß drinnen nie gestochen und geschossen wird. Aber es besteht nicht die Sicherheit, daß doch einmal einer sich an der Aufsicht vorbeidrückt, und dann bekommt die absolute Sicherheit ein Loch. Und man darf ruhig einen Schritt weiter gehen und sagen: Ganz sicher wird das Verbot einmal übertreten und dann geschieht ein Unglück. Aber wann, wo, wie? Ja, wann wird der Blitz in den Turm der Kathedrale schlagen?
Bei Attentaten auf einen russischen Zar, auf Sadi Carnot, auf die Kaiserin von Österreich, auf das serbische Königs- und das österreichische Thronfolgerpaar, auf Mussolini, Erzberger, Walter Rathenau usw. usw. war der Mörder sich bewußt und stolz darauf, im Auftrag einer großen Gesamtheit, sozusagen als ein geweihter Urteilsvollstrecker zu handeln.
Diesmal war es einer, der rein persönliche, vermeintliche Unbill mit ungemeiner Gewalttätigkeit rächte. Ein Ausbrecher aus den Schranken der Gesellschaft. Er ist nur als Einzelfall von ungewöhnlichem Ausmaß der Leidenschaftlichkeit zu werten. Wie er sich selbst über Gesetz und Recht und Ordnung hinweg Genugtuung verschaffen wollte, so hat er sich auch selbst gerichtet und das Urteil an sich vollzogen. Er hat die Todesstrafe vielleicht nicht in diesem Sinne gemeint, aber er ist der Logik der Tatsachen unterlegen. „Wenn ich sterben soll, will ich aus eigenem Willen sterben.“ Der Trotz, der ihn rächte, löschte ihn aus.
Hier haben wir also nicht mit Geschichte zu tun. Eine Revolution, die von einem Einzigen getragen wird, ist nicht Geschichte, sondern Anekdote.
Wer über die - sagen wir einmal technische Seite des Vorgangs nachdenken will, und zwar auf Grund der bisherigen Zeitungsmeldungen, wird sich höchstens darüber wundern können, wie es möglich war, daß jemand mit Messer und Revolver in einem belebten Betrieb herumgehen und Menschen morden konnte, ohne daß ihm wirksam Einhalt getan wurde. Aber auch da regt man sich ins Leere hinein auf, wenn man nicht dabei war und nicht sehen konnte, wie sich die Dinge abwickelten.
Und so bleibt nur eins übrig für den, der an den tragischen Vorfall Betrachtungen unpolitischer Art anknüpfen will: Tiefes Mitgefühl zu empfinden und auszudrücken für die Betroffenen, und sich einmal wieder der Ohnmacht bewußt zu werden, zu der auch die Besten und Wertvollsten von uns dem tückischen, blinden, blöden Schicksal gegenüber verdammt bleiben.