Der Großstädter sehnt sich in periodischen Abständen nach dem Land, nach dem Busen der Natur, sagt der Quartaner in seinem deutschen Aufsatz. Der Bauer trägt ein geheimes Sehnen nach dem Trubel und dem Glanz der Großstadt im Herzen.
Wir Bürger der Hauptstadt Luxemburg sehnen uns bald hier- bald dorthinaus. Bald nach dem Ösling, der Mosel, dem Mariental, bald nach dem Boulevard des Italiens oder der Place St. Michel. Um eine Weile aus der Tretmühle herauszukommen. Wie tut es so wohl, in eine Umwelt zu blicken, zu horchen, zu denken, die uns nicht das langweilige Gesicht unseres Alltags zeigt. Öl ins Räderwerk der Gedanken und Gefühle, Wind in die Segel, frische Luft durch ein offenes Fenster herein, das man über der Arbeit öffnet.
Ländliche Umgebung steht uns genug in nächster Nähe zur Verfügung. Geh an die Bellevue, genieße den Blick nach den Ackerbreiten von Kirchberg und dem Wälderhorizont, von denen Du so gut wie sicher sein kannst, daß sie noch lange, lange Zeit, hoffentlich auf ewig vom Wolffraß der Stadt verschont bleiben.
Schwerer geht es, Großstadteindrücke einzufangen. Wo unser stadtinnerer Verkehr am stärksten ist, fehlen andre Großstadtattribute, fehlt die Flucht der imposanten Häuserfronten, fehlt die Breite der Straßenzüge und fehlt vor allen Dingen der Asphalt, der seidige, glatte Asphalt, gegen den unser Pflaster wie grobes Waschlappengewebe und unser Straßenmakadam wie schmutziges Sackleinen anmutet. Der Asphalt ist das Kleid der Großstadtstraße, das Seidentrikot, ja die glatte, nackte Haut, über die der Verkehr fließt, wie eine Liebkosung, statt zu rattern, wie wüste Schimpfworte.
Also müßten wir, da wir keinen Asphalt haben und unsre Großstraße sich in kleinstädtischen Dimenstonen entfaltet, auf jede Großstadtillusion verzichten?
Nein, ich verrate Euch ein Eckchen, wo Ihr Stimmungen erleben könnt, wie in Paris oder Brüssel oder sonst einer europäischen Metropole.
Geht über die Neue Brücke und biegt an der Sparkasse links ab, den Petrußring entlang. Der glatt gewalzte und geteerte Straßenbelag sieht großstädtischem Asphalt täuschend ähnlich. Die Häuserfronten in hellem Haustein sind städtisch verziert, von der Grundkreditanstalt bis zur prächtig gegliederten Hinterfront der „Arbed“ steht ein vornehmes Privathaus am andern, links tut sich das grüne Tal auf, die monumentalen Postamente mit klassischem Figurenschmuck sind wie Anklang an die Symphonien alter Königsschlösser. Du denkst an Ferientage, vielleicht in Versailles, in Schönbrunn, in Baden-Baden, Gott weiß wo, an einem stillen Tag im Herbst, weit von aller Pflicht. Oder im Berliner Tiergartenviertel oder in Paris in einer der vornehmen, abseitigen Straßen am Trocadéro oder in der Nähe der Champs Elysées, wo die Spitzen der Finanz und des Adels ihre Schlösser haben, geräumige, in Grün gebettete, abgeschlossene und stille Oasen im Ameisentreiben der Weltstadt. Auch da dringt der Wellenschlag des Verkehrs nicht hin, nur die Ausmaße sagen: Großstadt. Und der Asphalt. Das lautlose Gleiten darüber hin. Das Mühelose, das eine Blüte mühevoll geschaffener Kultur der Äußerlichkeiten ist. Aber Du weißt: Ich gehe um die Ecke, eine kurze Strecke entlang, so bin ich wieder aufgesaugt vom Strom des unablässig drängenden Lebens.
Und das ist das Einzige, woran Du an dem idyllischen Großstadtsleckchen hier nicht denken darfst. Du mußt Dich in Deiner Stimmung des Augenblicks abschließen, mußt das Unmittelbare genießen. Denn wenn Du rechts um die Ecke wieder in das Netz des Verkehrs einbiegst, bist Du zwar in einer schönen, breiten Straße. die durchweg von Häusern mit großstädtischem Charakter eingesäumt wird, in der stundenweise auch der Verkehr sich mehr als kleinstädtisch belebt, aber in der nicht von der Seide des Asphalts, nicht einmal vom groben Waschlappengewebe des Pflasters oder schmutzigen Sackleinen eines ländlichen Makadams die Rede sein kann. Denn dort besteht die Straße aus lauter Löchern, die durch Höcker miteinander verbunden sind und auf der man mit Kegelkugeln das schöne alte Spiel spielen könnte, das sie auf den Kirmessen „Praumekuch“ nannten.
Wie lange noch, o Herr, wie lange noch!