Original

26. Oktober 1926

Wir sind die älteste liberale Zeitung des Landes.

Darum sind wir ein Hort der Gedanken-, Meinungsund Glaubensfreiheit.

Jeder ist frei, sogar über die Gehkonkurrenzen zu denken, was er will. Also.

Sie können es mir glauben oder nicht: Ich habe am letz’en Sonntag in meinem Leben die erste Gehkonkurrenz gesehen.

Ahnungslos ging ich auf einer Vormittagspromenade so gegen zwölf Uhr mittags durch das Viertel um die Nillesstraße herum, als um die Ecke ein Mann bog, der einen ungewohnten Anblick darbot. Er war äußerst dünn bekleidet, seine beiden Hosenbeine machten ungefähr in der halben Höhe der Oberschenkel Schluß, dann kam eine kräftige Beinmuskulatur mit viel Haaren darauf und etlichen Kotspritzern, dann um die Knöchel ein paar Wülste, die aus zusammengetrudelten Socken bestanden, und zu unterst die Schuhe. Auf dem Rücken trug der Mann ein Schild mit der Nummer 22. Er war umschwärmt von mehreren Radfahrern und er ging so eilig, wie jemand, der rasch etwas aus der Apotheke holen soll.

Er war noch nicht um die andre Ecke, da kam ein zweiter, der im großen ganzen ebenso aussah. Ich reimte mir gleich zusammen, dies müsse eine Gehkonkurrenz sein, und richtig, als ich in die Josef Junck-Straße einbog, sah ich vorne an der Ecke eine Menge Leute stehen, und ein Geher nach dem andern tauchte auf und wurde von den Gaffern mit aufpeitschenden Zurufen begrüßt.

Es war kalt und es regnete. Die Geher aber waren zwei Drittel nackt und schwitzten. Man sah also deutlich, eine wie gesunde Leibesübung das Gehen sein muß. Und billigt Es kamen auch welche, die sich, wie wir sagen, werktags anhatten: Hosenbeine an den Fußknöcheln verschnürt, Weste, Hemdärmel, Mütze. Ihre ganze Erscheinung verkündete, daß der Gehsport eine Sache des Volkes, des ganzen Volkes, und dabei des Alltags ist. Dieser Sport ist der einzige, der wirklich das gesamte Leben durchdringt.

Frauen bedauerten die armen Jungens, die nun schon von morgens an durch den Regen marschiert waren und bis abends so weiter marschieren würden. Frauen bedauern jeden Mann, den sie für geplagt halten, sobald sie ihn nicht selber plagen. Und sie fanden es so „mutwillig“. Das heißt in unsrer Mundart überflüssig.

Einige Geher waren dabei, die auch ich bedauerte. Man sah ihrem Muskelspiel die Kraftvergeudung an. Sie hoben bei jedem Schritt die Schultern, als wollten sie mit Flügeln schlagen, die nicht vorhanden waren. Sie schwenkten beide Arme von rechts nach links und von links nach rechts, wie Pumpenschwengel, als wollten sie sich alles Blut zu den Fingerspitzen herausschleudern. Sie lagen vornüber, wie in einer Deichsel, waren andauernd in dem Stadium, in dem das Gehen grade ins Laufen übergehen will.

Dann kam auf einmal einer, so ein langer Laban, Nr. 16. Der ging mit weiten Schritten fürbaß, als sei er nie langsamer und nie schneller gegangen, seit er auf der Welt ist. Sein Gehen war eine Funktion, die in keiner Weise gehemmt oder übertrieben schien, er bewegte sich regelmäßig, wie der Pendel an einer Uhr, er hielt sich aufrecht, wie es dem Menschen geziemt, und er schien zu sagen: „Was lauft Ihr so, das hat doch keinen Zweck, es ist doch ganz egal, ob einer der erste oder der letzte ankommt!“

Zwei andre kamen nebeneinander, denen man den Rhythmus und Schwung des Parademarsches ansah. Als ich eine Strecke weiter den einen davon ohne seinen Kameraden sah und ihn frug, ob ihm der davongelaufen sei, sagte er gutmütig in der Sprache Goethe’s und Schiller’s: „Laßt ihn laufen, es ist noch lang bis heute abend.“ Ich möchte wissen, wie sich seine Taktik zum Schluß bewährt hat. Er trug die Nr. 15.

Es ist durchaus nicht egal, wie ein Volk geht. Die Preußen haben durch Gehen mehr Schlachten gewonnen, als durch Schießen. Es gibt französische Regimenter, die wegen ihrer Marschtüchtigkeit gefürchtet und berühmt sind.

Wir können durch die Bank nicht gehen, weil wir es nicht gelernt haben. Gehen ist eine Kunst, wie Singen. Jeder, der eine Stimme und Beine hat, kann singen und gehen, aber die Galli-Curci singt besser, als unsre Waschfrau, und ein preußischer Rekrut geht besser, als ein luxemburger Bauernbursch. Mit unsern Händen und Armen lernen wir alles Mögliche, mit unsern Beinen höchstens den neuesten Step. Wir müssen gehen lernen, methodisch, wissenschaftlich gehen, wie die andern Völker. Wir werden es lernen, denn den Rohstoff dazu haben wir, ich habe es gestern mit Stolz festgestellt.

Daß wir es lernen müssen, und daß wir es lernen werden, haben uns die Gehkonkurrenzen bewiesen.

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    Katalognummer BW-AK-014-3278