Original

4. November 1926

Allerseelensymphonien werden für die Zeitungen in der Regel vorher geschrieben.

Man hat Unrecht. Die Pränumerando-Stimmungen sind künstlich heraufgepumpt. Man sollte lieber warten, bis die Dampfwalze der Wirklichkeit über einen gegangen ist.

„Dies Jahr mußt du mit mir auf die Gräber gehen,“ sagte Onkel Heinrich.

Alles was recht ist, die Hinfahrt war schön. Die Wälder waren gelb und rot und braun und grün, eine Gebkonkurrenz von Farbennüancen. Dieser Augenschmaus, bei dem man an Haselnüsse, Federweißen und einen brummenden Osen denkt, läßt einen vergessen, daß die Welt auf einmal so beunruhigend eng geworden ist.

Also wie gesagt, die Hinfahrt versprach. Im Autobus saßen nicht mehr Leute, als darin sitzen konnten. Das Wetter hielt sich. Alles verlief nach Wunsch.

Dann kam die Rückfahrt.

„Man kann sich“, sagte Onkel Heinrich, „komfortablere Beförderungsmöglichkeiten denken, aber so’n Autobus, der ist doch wahrhaftig wie aus dem Schoß des Volks gewachsen. Man rückt zusammen, läßt sich die Laune nicht verderben, tritt sich gelegentlich auf die Füße und trägt es mit Humor, alles das Gegenteil von etepetete, ich fahre nicht lieber, wie im Autobus. Man fühlt sich wahrhaftig wie gehoben, vom Volk auf Händen getragen.“

An der Haltestelle standen drei, vier, fünf Gruppen. Man konnte im Dunkeln niemand erkennen. Aber so viel war zu unterscheiden, daß von jeder Gruppe etwa die Hälfte feiertäglich angezogen war, während die andern die mannigfachen Gepäckstücke trugen, die die Reisenden mitbekamen.

Onkel Heinrich hatte einen Schinken, einen Sester Erbsen und etwa ein halbes Dutzend Kohlköpfe mit. Es war kein gewöhnlicher Kohl, sondern es war roter Kappes. Onkel Heinrich behauptete, nur an seinem Vaterhaus im Garten wachse der richtige rote Kappes. Jeder von uns trug sein Köfferchen und einen der beiden Säcke, in denen die Erbsen bezw. der rote Kappes gefaßt waren. Den Schinken trugen wir abwechselnd.

Im Autobus war zum Glück noch Platz für alle bis auf einen. Einer mußte stehen. Es traf eine Dame im Schleier. Sie sah fürnehm aus und ihre Nase war anhaltend im Zustand der Gerümpftheit. Sonst hätte ich ihr gleich meinen Platz angeboten. Ich bot ihn ihr erst später an, als der junge Mann neben mir eine schlechte Zigarette rauchte. Die Dame nahm die Gefälligkeit von mir entgegen, wie man ein überfälliges Guthaben einkassiert. Der Zustand der Gerümpftheit ihrer Nase wuchs zusehends und sie machte schließlich dem jungen Mann gehüstelte Vorwürfe über die schlechte Qualität seiner Zigarette. Aber er schob es auf sie und wies ihr nach, daß der unangenehme Geruch von ihrem Kleid aufstieg, wo ein Funke grade ein erbsengroßes Loch gebrannt hatte. Ihre Nase trat plötzlich aus dem Zustand der Gerümpftheit heraus, ihre Nüstern blähren sich, und es kam zu einem Auftritt, gewissermaßen zu einem Sturm im Glas Wasser, wenn man sich mit einiger Phantasie den Autobus als Wasserglas vorstellen will.

Wir waren viel zu früh am Bahnhof, oder vielmehr der Zug kam viel zu spät. Die Zwischenzeit füllten wir mit Warten auf dem Bahnsteig aus. Es fing an zu regnen. Der Bahnsteig ist nicht gedeckt. Onkel Heinrich blieb bei unsern Köfferchen, dem Schinken und den beiden Säcken stehen und forderte mich auf, etwas gegen meine kalten Füße zu tun, indem ich rasch auf und ab ginge. Ich tat es, aber es hals nichts. Als ich wiederkam, standen bei ihm zwei Burschen aus seinem Dorf, die „im Minett schafften“ und auch von den Gräbern kamen. Sie erzählten ihm grade, daß sie bei solchem Gedränge immer vierte Klasse bezahlten und erste Klasse fuhren. Als der Zug endlich einlief, hatte ich sofort ein Abteil zweiter Klasse eräugt, das zufällig leer war. Aber bis ich den Onkel Heinrich, der schon dreimal wegen „besetzt“ abgewiesen war, herangeholt hatte, war mein Abteil von seinen beiden Landsleuten und deren Kameraden angefüllt. Wir mußten bis Luxemburg stehen. Onkel Heinrich triumphierte und sagte, es gehe nichts über den Autobus.

Wir kamen schließlich heim. Als wir unser Gepäck revidierten, fehlte der Schinken.

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    Katalognummer BW-AK-014-3284