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5. November 1926

Auf den Lippen aller luxemburger Theaterfreunde wird in diesen Tagen unisono die Frage stehen: Was ist Volksbühne?

Weil der luxemburger „Verein Volksbühne“ (er hat noch keinen Namen mit Lux vorne oder hinten) in diesen Tagen seine erste Vorstellung ankündigt: „Herodes und Mariamne“, von Hebbel.

Die luxemburger Theaterbesucher fühlen auf ihren Lippen sich die Fragen drängen, wie ungeduldige Reisende am Schalter: Volksbühne? Verein Volksbühne? Herodes? Mariamne? Hebbel?

Versuchen wir, sie kurz und klar zu beantworten.

Volksbühne heißt ursprünglich ein Unternehmen, das sich heute über ganz Deutschland verzweigt und das den Zweck hat, die Bühne für das Volk und das Volk für die Bühne zu gewinnen.

Warum? Weil das Theater ein Kulturvehikel ersten Ranges ist und weil es für die Allgemeinheit nötig ist, daß Kultur das Volk bis in seine tiefsten Schichten hinein durchdringe. Darum ist es eine gemeinnützige Tat, dem Volk nach Kräften die Genüsse zu verschaffen, die das Theater ihm vermitteln kann. Einerseits soll in ihm das Interesse für die Bühne geweckt, andrerseits ihm der Theaterbesuch materiell mehr, als im Gewöhnlichen, ermöglicht und verbilligt werden.

Dies geschieht auf dem nicht mehr ungewöhnlichen Wege der Vereinsbildung.

Da nun in Luxemburg dieselben Wahrheiten wahr sind, wie überall, und es auch hier Leute gibt, die dafür einen Sinn haben, so dachten sie, daß es an der Zeit wäre, auch hier einen Verein Volksbühne zu gründen.

Die direkte Anregung dazu kam ihnen von Frl. Dr. Gertrud Schloß aus Trier, die durch verwandtschaftliche Beziehungen zu Luxemburg die hiesigen Verhältnisse kennt.

In relativ kurzer Zeit wurde der Verein auf die Beine gebracht, und am Dienstag, 9. November, bringt er seine erste Aufführung im hiesigen Stadttheater heraus.

Und zwar gleich „Herodes und Mariamne“ von Friedrich Hebbel, eines der gewaltigsten Trauerspiele, die deutsches Ingenium hervorgebracht. Ein leidenschaftliches Gegenspiel zwischen dem Judenkönig Herodes und seiner Gattin Mariamne bewegt die fünf Akte hindurch die Handlung, die durch eine unglaubliche Fülle einmündender Strömungen von Haß, Intrige, Mut, Verschlagenheit, Verbrechertum u. a. m. mitgetragen wird. Zum Schluß stirbt Mariamne eines tragischen Todes und läßt Herodes am Rand eines Abgrundes von Graus und Verzweiflung zurück, in dem seine Zukunft versinkt, während in der Ferne der Stern von Bethlehem aufleuchtet.

Friedrich Hebbel, den man den deutschen Shakespeare genannt hat, nicht ganz mit Unrecht, lebte von 1813 bis 1863. Er war der Sohn eines schlichten Maurers aus Wesselburen im Ditmarschen, rang sich durch die bitterste Not empor und starb als gefeierter Dramatiker in Wien. Seine dramatische Gestaltungskraft hat die Wucht des blühendsten Sturmes und Dranges und dabei die Beherrschtheit des überlegenen Könners und Künstlers. Sein Dialog ist durchwoben von einem außerordentlichen Ideenteichtum, seine Menschen haben die Überlebensgröße antiker Tragödiensiguren und sind doch Mensch bis in die Fingerspitzen.

Die Aufführung vom 9. November durch das Ensemble des Trierer Stadttheaters wird für unser Theaterleben ein Ereignis, ein Höchstes sein.

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    Katalognummer BW-AK-014-3285