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7. November 1926

Herr Bürgermeister Diderich sprach dieser Tage mit berechtigtem Stolz von den neuen Wohnstattsiedelungen, die zu seiner Zeit in Cessingen, Gasperich, Bonneweg entstanden sind.

Man kann sie auch aus einem andern Augenwinkel, als dem der Wohnungspolitik betrachten.

Waren Sie beispielsweise schon in Neu-Cessingen? Seine roten Dächer leuchten fremdartig herausfordernd beinahe in der Landschaft. Wie wenn über die Mosel her eine Schar deutscher Schüler mit roten Klassenkappen auf eine luxemburger Kirmes kämen.

Sie müssen einmal nach Neu-Cessingen gehen. Geben Sie es auf, sich darunter ein Dorf, wie andere Dörfer, vorzustellen. Andere Dörfer sind gewachsen, dies ist in einem Stück fertig gemacht. Es hat vielleicht schon eine Individualität, aber Du kannst sie nicht rubrizieren. Es ist nicht Stadt und nicht Land. Es ist eine städtische Absplitterung, die vielleicht einmal auf dem Land heimisch werden und dann ein Ding für sich bilden wird.

Dies ist vorläufig noch ein Dorf von Wohnungs- politikers und Maurerpoliers Gnaden. Menschtum, warmes Menschtum muß erst darin heimisch werden, an diesen Mauern anwachsen, wie Efeu.

Noch unterscheiden sich diese Häuser durch keine Eigenart voneinander. Die Milchfrau hatte morgens erst alle Mühe, ihre Kunden nach Hausfronten auseinanderzukennen. Aber in zwanzig, dreißig Jahrenwird jedes Haus hoffentlich seinen Namen haben. Dann heißt es nicht mehr: Nummer Soundso, sondern Millesch, Wohnesch, Keesesch, Hengerches, Jangen, Koschtesch, Beckesch, De tzen, Klosen usw.

Dann wird jedes Haus seine ganz bestimmte Physiognomie haben. Es wird nach dem Geschmack des Eigentümers - nach seinem guten oder schlechten Geschmack angestrichen sein. Schlechter Geschmack im Häuseranstrich tut der malerischen Traulichkeit einer Dorfstraße keinen Eintrag. Die Einfriedigungen werden verschieden sein, hier wird an einer Giebelmauer wilder Wein ranken, dort werden Glyzinen blühen, die blaue Clematis wird eine Fassade besternen oder Efeu wird die Fenster einrahmen, und vielleicht wird von alledem gar nichts da sein, weil die Leute an ihren Sonnengiebeln lieber Trauben, Birnen, Pfirsiche, Aprikosen und sonstige pomologischen Erzeugnisse wachsen lassen. Aber ein eigenes Gesicht wird jedes Haus haben. Und auch die Gärten werden nicht mehr den Eindruck machen, als ob darin nicht viel mehr als dreckige Schuhe zu holen wäre, man wird sie auseinanderkennen an ihren Rosen, Malven, Sonnenblumen, an ihren Flieder- und Hollunderbüschen, an den Wipfeln ihrer Bäume, dem Buchsbaum ihrer Wege - an den Kindern, die darin spielen und den Menschen, die darin spazieren gehen oder ihre alten Knochen sonnen. Und wenn Neu-Cessingen einmal ein paar Menschenleben alt sein wird, wenn einmal in jedem Haus ein Dutzend Leben entsprungen und erloschen sind, wenn es einmal Menschen dortherum geben wird, die nichts davon wissen, daß einmal kein Neu-Cessingen bestand, dann wird auch diese Siedlung von warmem Menschtum tief innen durchtränkt und durchwärmt sein. Und dann wird auf den Dächern die braune Patina des Alters liegen und niemand mehr an rote Klassentappen denken.

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    Katalognummer BW-AK-014-3287