Die Franzosen haben ganz sicher die Erfindung der Bandsäge vorausgeahnt, als sie das Wort „Scie“ für eine Sache erfanden, für die der Deutsche das königliche Wort Leier entheiligt hat. Bandsäge - Bandwurm. Und die Endlosigkeit eines metallischen Singsang-Geräusches, das am Trommelfell liebt Stunden lang, Tage lang, wenn ein Tischler in der Rähe wohnt oder nebenan die Holzschnitter vom Trottoir Besitz ergriffen haben.
Die Letern kamen uns früher zumeist von der Schobermeß. Wißt Ihr noch, damals, wie die schöne Daisy umging? On a bicycle built for two. Es ist schon lange her, damals fuhren die Verliebten noch Tandem. Später, wenn sie sich gekriegt hatten, verhökerten sie das Tandem und kauften sich jeder ein Rad. Daisy, Daisy'
Dann kam wohl die Male. Die Male hat zwei schwarze Strümpf, in jedem Strumpf ei Loch' Male, Male, lebt denn unsre Male noch! Die ersten Kellnerinnen, Niedermendiger Bier, Radi, Frankfurter Würstchen, Mainzer Käse - - Male, Male!
Eine Tochter der Male muß die Mariette gewesen sein. Was haben sie der armen Mariette nicht alles unterschoben!
Als der Krieg kam, brachte er uns als erste Leier die Vöglein im Walde, dann die Madelon, dann den Tipperary. Der Kriegsgesang der Amerikaner war zu trauerklöterig, um als Leier seinen Weg zu machen. Dafür haben sie sich auf dem Tanzboden revanchiert, indem sie uns noch. Jahre lang nachher mit allerhand Forget me not in den Ohren lagen.
Heute beherrscht Valencia das Feld. Wie lange noch?
Jedesmal, wenn eine Leier aufgekommen ist und man sie zum ersten Mal hört, fragt man sich, was sie denn so Faszinierendes an sich hat. Eine Leier ist wie ein Fußball. Gut geschossen fliegt er weit und richtig. Leiern wollen geschutet sein. Sie verdanken ihre Karriere oft der Laune eines Jazzbandnegers. Er spielt eine Weise, wenn im Saal grade die Champagnerklimax erreicht ist. Andern Morgens summt sie den Tänzern und Tänzerinnen im Kopf mit den Wölkchen von Höhenrauch, die so ein Abend hinteeläßt. Am zweiten Abend durchquiekt sie wiederum die Atmosphäre von Wein-, Weiber- und Zigarettenduft, am dritten Abend wieder, und von nun an treibt die Weise mit im Strom des Boulevardlebens, die neueste Leier ist fertig. Wer nicht mit an ihrer Wiege gestanden hat, begreift ihren Erfolg nicht. Er besteht nur aus Reminiszenz. Ich hatte einen Bekannten, der jedesmal in Selbstmordstimmung kam, wenn er den Schmachtfetzen „Edelweiß“ hörte. Weil ihm in einem Lunapark, wo eine Dampfdrehorgel das Lied unaufhörlich spielte, sein Schatz mit einem Kellner durchgegangen war.
Valencia! Welchen musikalischen Reiz hat diese Melodie, die stumpfsinnnig eine Treppe heruntertrudelt, sich wieder hinaufrekelt und wieder heruntertrudelt? Man muß sie in einem Augenblick in sich aufgenommen haben, wo man andern starken Eindrücken ausgesetzt war, die in den Nerven wieder aufzittern, wenn dieselbe Weise ertönt.
Das Wesentliche an der Leier ist ihre Vergänglichkeit. Jede dauert, solange sie kann, bis ihr eine neue die Fersen austritt. Aber die Musik bleibt.
Leiern gibt es nicht nur in der Musik. Auch die Politik kennt das Phänomen. Bald heißt es Alcibiades, bald General Boulanger. Wir leben eben in einer Hochkonjunktur politischer Leiern. Sie lösen einander noch rascher ab, als Shimmy und Charleston. Aber die Völker bleiben.