Original

10. November 1926

Der Horror vor dem Vacuum, der wissenschaftlich in der Physik abgetan ist, hat auf andern Gebieten seine Gültigkeit bewahrt.

Es gibt allerhand Leeren, die sich bis weit über den Sättigungspunkt auszufüllen trachten, ohne daß dafür ein Widerwille der Natur als Erklärung zu dienen bräuchte.

So strömt es noch immer von sogenannten „Konferenzen“ nach Luxemburg. Man versteht darunter Vorträge.

Die Älteren unter uns erinnern sich noch der ersten Vorträge, die auf das intellektuelle Leben Luxemburgs befruchtend wirkten. Die naturwissenschaftlichen Vorlesungen des Brüsselers Dollo in der hiesigen Université libre vor zirka zwanzig Jahren wirkten bahnbrechend.

Später kamen viele „Konferenzen“, die nur deshalb einigermaßen besucht waren, weil so viele Frauen und junge Mädchen vor Langeweile nicht wußten, was sonst anfangen.

Heute treten die „Konferenzen“, zumal an den Sonntagen, endemisch auf. Ein Kollege, der darüber zu berichten hat, weiß schon lange nicht mehr, was Sonntagsruhe ist. Er wünscht alle Konferenzler und Konferenzlerinnen nach Lenningen, wo die Leute bekanntlich taub sind.

Doch schütten wir das Kind nicht mit dem Bade aus. Es gibt immer noch interessante Vorträge.

Es stellt sich bei jedem Vortrag die dreifache Frage: Wer, was wie?

Das Interesse staffelt sich in dieser Reihenfelge.

Der Vortragende muß eine Persönlichkeit sein, sonst liest man, was er sagen will, besser gedruckt.

Und das „was“ ist immer wichtiger, als das „wie“.

Dennoch gibt es ein besonderes Publikum, das immer das Hauptgewicht auf das „wie“ legt. Dem der Kellner mehr imponiert, als der Braten und die Sauce. Habeant sibi!

Zwischen den dreien: Wer, was, wie - besteht eine enge Wechselwirkung. Jedes von den dreien kann eines der beiden andern oder beide günstig oder ungünstig beeinflussen, seine Wirkung steigern oder beeinträchtigen.

Das Ideal ist der schöne Ausgleich zwischen den dreien, zwischen der Persönlichkeit des Vortragenden, seinem Stoff und seiner Eindringlichkeit. Ein Vortrag von Voronoff muß uns ein dreifaches Ereignis sein. Wenn Paul Fort oder Nichard Dehmel im Ratskeller ihre Gedichte vorlasen, stand alles im Bann ihres Wesens, ihrer Dichtung und ihrer Ausstrahlung. Hielte Frau Dr. Mathilde von Kemnitz, jetzige Frau v. Ludendorff, heute in der Aula des Athenäums wieder den Vortrag, ich glaube über Frauenberufe, den sie hier vor zirka zwölf Jahren hielt, so möchte ganz Luxxemburg sie sehen und jeder käme zweifellos in dreifachem Betracht auf seine Kosten. Frl. Käthe Schirmacher, die wir ebenfalls vor Jahren hier hörten, ist als eine der talentvollsten und eigenartigsten Führerinnen der deutschen Frauenbewegung eine Persönlichkeit, die jeden Kulturmenschen interessiert, und die vieles zu sagen weiß, was Hand und Fuß hat.

Es gibt hinwiederum Vorträge, die nur in bezug auf das eine der genannten Drittel wert sind, daß man ihretwegen eine Stunde opfert.

Das „wie“ ohne das „was“ und das „wer“ verdient es am allerwenigsten, daß man ihm einen Abend einräumt. Solche Vorträge sind ein Übergriff auf das Gebiet des Theaters.

Das „was“ ohne das „wer“ und „wie“ ist auch nicht von weit her. Das ist der schwerfällige Übergriff auf das Gebiet des Buches.

Am besten kommt ohne die beiden andern noch das „wer“ aus.

Bismarck war bekanntlich kein packender Redner. Er sprach in der Regel ohne Schwung und Klang. Und trotzdem, wenn er uns heute eine Stunde lang über die Vorzüge der langen vor der kurzen Pfeife vorplaudern könnte. wäre die Stunde nicht verloren. Oder wenn der große Napoleon uns einen Vortrag über die Beinstellung seiner Altvordern zu halten käme, wäre kein Saal im Lande groß genug.

Si purva licet .... Wir hatten vorige Woche hier den Vortrag von Alfons Paquet. Allein die Persönlichkeit des Vortragenden genügte, den Vortrag zu einem der inţeressantesten zu machen, die uns der Volksbildungsverein je geboten hat. Es ist eine Bereicherung, einen Menschen persönlich kennen zu lernen, von dem ein so starker Widerhall seiner Zeit ausgeht.

Und wäre es nicht wertvoller, zum Beispiel einen André Gide aus seinen Werken vorlesen zu hören - nein, vorlesen zu sehen, als einem Vortrag der Pariser Königin der Midinetten über die Zucht der Kanarienvögel beizuwohnen?

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    Katalognummer BW-AK-014-3289