Original

11. November 1926

Eine Schnitte Menschheit ganz besonderer-Art ist für uns heute das, was an einem Bankbetrieb für den gewöhnlichen Kunden sichtbar ist, das Laufen der Maschine hinter den Schaltern. Denn ist es nicht wie ein Blick in einen großen, hellen Maschinenraum? Um die zentrale Halle legen sich die weiten Räume, in die sich die alten Einzelbüros aufgelöst haben. Es ist eine falbe, weiße unausgeglichene Beleuchtung, nicht auf Schönheit, nur auf Helligkeit berechnet. Da und dort ein Gitter, das an die Kostbarkeit des hier verarbeiteten Materials gemahnt, ein geräuschloses Hin und Her von Menschen, die Papierblätter schwingen, Tische mit Schreib- und Rechenmaschinen, junge und ältere Männer, junge und ältere - meist jüngere Mädchen, was vermuten läßt, daß für die meisten dieser Bubiköpfe die Bank nur ein Durchgangsstadium ist -, Klappern der Schreibmaschinen, gedämpfte Stimmen, aber ganz vereinzelt, das Ganze läuft von selbst. Es, ist ein strudelnder Tümpel des Wirtschaftslebens. Durch all diese Hände und Köpse geht dünner oder stärker ein Rinnsal des großen Stromes, der als Geld. Geld, Geld um den Erdball kreist. Alle Gedanken sind auf Ziffern und nackte, harte, konzentrierteste Tatsachen gerichtet, gehen in Ziffern und Tatsachen restlos auf, Jeder sucht sein Rinnsal nach Vorschrift fortzuleiten oder aufzustauen .....

Und dann auf einmal, in dies unhörbare Summen der Hirne hinein ein hörbares Signal, das Rrrrr der Klingel, die den Mittag kündet.

Als hätte ein Windstoß durch auffliegende Fenster alle Gedanken aus Geschäft fortgeblasen, vollzieht sich plötzlich in allen Hirnen die Umschaltung. Alles erhebt sich, schüttelt Hosenbeine und streicht Röcke glatt, gibt dem Blutstrom die Adern frei, die im langen Sitzen halb zusammengepreßt waren, es ist ein Recken, Breiten, Eilen zu den Kleiderständern und Schränken, Schlüpfen in Mäntel und Überzieher, Schütteln von Locken, - und dann das Drängen hinaus, das Abwerfen des Jochs, das Atmen in ein Stückchen Freiheit hinaus.

Was hat plötzlich in all diesen Köpfen das ewige Rauschen des Stromes „Geld“ mit neuer Melodie abgelöst?

Liebe? Sport? Oder nur der Appetit auf das Mittagessen, das irgendwo winkt? Zuerst wohl nur der Gedanke an die Elektrische, an ein Stück Toilette, das man in der Mittagspause richten will, an den Spaziergang mit Kameraden, an ein angefangenes Kapitel in einem Roman, an ein Stelldichein, an den Falschen, der gestern und vorgestern nicht kam, an das neue Verhältnis, an die Partie Whist oder Bridge .....

Es muß oft malerisch aussehen in solch jungem Kopf, in dem sich die zifferngebundene Pflicht und die warmblütigen Ansprüche ans Leben so scharf gegeneinander aufrichten.

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    Katalognummer BW-AK-014-3290