„Vorgestern starb hier in der Wohnung seiner Eltern der luxemburger Cellokünstler Emil Berrens im Alter von 36 Jahren.“
Das steht da auf dem Papier, und Tausende lesen darüber hin und denken sich nichts dabei. Und doch läßt sich, dabei allerlei denken. Trauriges und Tröstliches.
Dies soll nicht aussehen, wie ein Nekrolog, den man einem verdienstvollen Mitbürger widmet.
Ein luxemburger Künstler ist gestorben, und wir haben wirklich nicht so viele, daß wir den Verlust eines der besten davon nicht schmerzlich empfinden sollten.
An anderer Stelle wurden aus seinem bisherigen Leben die wesentlichsten Daten mitgeteilt.
Er hatte ganz jung den Mut, den Kampf mit dem unerbittlichen Ungeheuer „Fremde“ aufzunehmen. Sich da einzusetzen, wo einen keine Vetternschaft, kein Stammtisch, keine nationale Solidarität tragen, wo jeden Augenblick die Wasser einem über dem Kopf zusammenzuschlagen drohen.
Dazu gehört nicht nur Mut, nicht nur Strebersinn, dazu gehört auch das heitere Wissen darum, daß man etwas kann.
Er konnte was. Er war zuletzt Cellist in dem Künstlerstreichquartett Schultze-Priska, einem der besten und ausgeglichensten, die je internationalen Ruf genossen haben. Seine Kollegen haben ihm bis zu seiner letzten Stunde bewiesen, in welcher Wertschätzung er bei ihnen stand.
Wir erinnern uns seiner hiesigen Debüts. Das Technische, sagten die Kenner, hat er wunderbar los, aber die Seele!
Als es dazu an der Zeit war, kam auch Seele in sein Spiel. Es hat sich später bewiesen, daß es gut so war. Bei manchem, dem zuerst die Seele nachgerühmt wird, bleibt nachher das Technische aus.
Emil Berrens war einer von den Selbstverständlichen, Bescheidenen. Er schlug nicht mit Kikeriki um sich. Er spielte so lächelnd vor sich hin, sich und den andern zur Freude. Er war ein stiller, lieber Mensch. Klar, unkompliziert, sauber in Leben und Kunst.
Nun ist er tot, und der Schatz, den er in sich trug, ist mit ihm vernichtet. Um wieviel kostbarer sind diese Schätze, die einer in sich selbst erzeugt und aufspeichert, als die andern, die in Bankscheinen und Wertpapieren bestehen! Denn der Wert eines Dinges liegt ja auch in seiner Seltenheit.
Man soll bedenken: Seit seiner Kindheit hatte dieser Tote in sich die Kostbarkeit seiner Kunst gebildet und angesammelt, hatte sich in ihm die wundersame Entwicklung des Künstlers vollzogen. Aus den Tiefen, wo die Gefühle werden, hatte sich das Fluidum, das ein Künstleringenium ausstrahlt, bis in die Fingerspitzen hinein tausend der feinsten Nervenbahnen geschliffen, um den Weg in die Saiten des Instruments und in die Herzen der Menschen zu finden.
Nun ist dies alles vernichtet. Das Meistercello, das unter seinen Händen tönend gelebt hatte, ist stumm. Aber wer weiß, wo und wann das geheime Wehen seiner Kunst weiterlebt, wo es später wieder einmal in Tönen aufklingen wird, aus der Seele eines Kindes oder Enkels, vielleicht erst nach langen, langen Jahren? Denn verloren ist es nicht.
Emil Berrens hat mit gesundem Herzen lange gegen den Tod angekämpft. Er mußte erliegen. Aber in unserer Erinnerung wird er weiter da stehen als lächelnder, schlanker, gütiger Junge, oder auf dem Podium sitzen mit seinem kostbaren Cello am Knie und den Bogen in der Hand, mit dem er leuchtenden Auges aus den Saiten die Goldsträhne unvergeßlichen Wohllauts zog.