Original

17. November 1926

Wenn in einer Frage siebzehn Redner dafür, siebzehn dagegen und siebzehn sowohl dafür wie dagegen gesprochen haben, und die öffentliche Meinung sagt: Sie hatten alle einundfünfzig recht, dann ist das eine sehr schwierige Frage. Eine Krankheit, nach deren Bazillus in allen Laboratorien der Welt gefahndet wird, ist ja auch schlimmer, als ein Stockschnupfen.

Fragen dieser komplizierten Art gibt es nicht allzuviele. Aber wo es eine gibt, da dauert es lange, bis sie aus der Welt geschafft wird.

Zum Beispiel die Alkoholfrage. Wie kompliziert sie ist, geht schon daraus hervor, daß sie in allerhand Gewändern auftritt. Bald kommt sie einfach in Zivil, wie sie ist, als Alkoholfrage. Dann als soziale Frage, dann als Frage der Wohnungspolitik, der Hygiene, der Moral, der Wirtschaft usw. usw.

Hier grassierte sie dieser Tage als Wirtshausfrage. Das ist bekanntlich die verkehrteste Art, die Alkoholfrage lösen zu wollen. Da ist ein Strom, der das Land verheert. Soll man ihn oben abgraben oder unten auspumpen? Übel soll man an der Wurzel, Ströme an der Quelle fassen.

Aber der Henker mag den Alkoholstrom an der Quelle fassen. Da wird die Frage zur Wirtschaftsfrage. Das Einfachste wäre ja, nicht wahr, alle Bierbrauereien schließen, alle Weinberge ausroden und alle Branntweinkessel einschmelzen Dann wäre der Alkoholstrom von der Quelle ab eingetrocknet. Aber so hoch hinauf hat noch keiner gegriffen, natürlich.

Und so rückt man dem Übel denn unentwegt am andern, also am verkehrten Ende zu Leib. Man will den Strom da eindämmen, wo er mit seinem stärksten Gefälle ins Meer des Durstes mündet. Das ist sehr schwer, meine Herren, Sie haben es schon gemerkt. Schwer auch, wenn der Strom, wie hier, zum Delta wird, sich in allerhand Rinnsalen übers Land ergießt, die einen breit, die andern schmal, die einen klar, die andern trüb. Eines schickt sich nicht für alle. Um es recht zu machen, müßte für jedes Dorf im Land und für jedes Wirtshaus im Dorf ein eigenes Gesetz, sozusagen auf Maß, angefertigt werden. Und Gesetze sind doch immer nur Konsektion. Was für Esch paßt, paßt nicht für Petingen, was sich für Esch @ Petingen ziemt, ziemt sich wieder nicht für die @ Müllertal und Schlindermanderscheid verla@ jedes gänzlich verschiedene Behandlung, ja, a@ 100 Meter Entfernung ändern die Verhältnisse@ Voraussetzungen, für Hotel Buschland stellt sich@ Wirtshausfrage anders, als für die gemütli@ Wirtsstuben beim Neckel oder Jampier.

Herr Collart hat mit der Menschenkenntnis @ Landbürgermeisters gesehen und gesagt, wo der @ der Wirtshausfrage für große Teile des Volkes l@ In dem Bedürfnis nach Geselligkeit und Aussp@ nicht im Bedürfnis nach mehr oder weniger geis@ Getränken. Wo die Wirtshäuser knapp sind oder @ Wirtshausgehen nicht eingebürgert ist, kommt @ beim Dorfschmied oder sonstwo zentripetal zusam@ früher gab es dafür die Spinnstuben. Aber da ist @ immerhin nicht auf neutralem Boden, und dies, @ Bewußtsein gleichen Rechtes für alle und der @ abhängigkeit vom Herrn des Hauses, wofern @ seinen Trunk bezahlt, das bietet eben das Wirts@ Herr Collart wäre für den Bau von Versamml@ lokalen ohne Trinkzwang, mit Gelegenheit zu @ hand Kurzweil. Das wäre schön und gut, wenn @ Näume von jeher beständen, aber sie heute als @ kurrenz gegen die Wirte errichten, wäre kein Ki@ spiel. Und wenn darin statt Alkohol Politik ve@ würde, wäre im Interesse eines gesunden Volkslei@ wieder mehr verloren, als gewonnen.

Aber alle, die in der Kammer zur Alkoholf@ geredet haben, hatten recht.

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    Katalognummer BW-AK-014-3295