Original

24. November 1926

Sollten wirklich die Klagen über die Nöte der Zeit einerseits und die Verwilderung der Jugend andrerseits übertrieben sein? Sollten sie wirklich, wie Optimisten behaupten, nur ein Nachhall sein des berechtigten Lamento aus den ersten Nachkriegsjahren?

Ich hätte nicht übel Lust, mich den Optimisten anzuschließen. Erstens aus Widerspruchsgeist, und zweitens weil ich glaube, einen Beweis zu haben.

Zwischen Konstitutionsplatz - der wenigstens das Verdienst hat, daß sich die Luxemburger an seinem Namen die Zunge schleifen - und Adolfbrücke steht eine Doppelreihe exotischer Bäume mit zierlichem Laubgefieder, im Volksmund amerikanische Nußbäume genannt.

Sie tragen wirklich Nüsse, Nüsse mit wirklichen, eßbaren Kernen. Sie wollen keine unnützen Zierbäume sein, sie wollen ihre Platzmiete in nahrhaften Produkten bezahlen.

Die Jugend wußte es, und alljährlich, wenn draußen um die Dörser herum die Wallnüsse reiften, hielten die Buben ihre Nußernte an diesem Teil des Brückenrings. Denn auch sie empfanden die Not der Zeiten, auch bei ihnen trieb der Hunger den Wolf aus dem Busch. Die Leckerbissen waren rar, die Naschpsennige blieben aus, also half man sich selbst.

Und die Nußernte am Brückenring war der Schrecken der Passanten. Knüppel und Steine flogen in mehr oder weniger flachen Vogen durch die Luft und in die Äste der Bäume, man wünschte sich Glück, wenn man aus ihrem Bereich heraus war, ohne eines der Geschosse an den Schädel bekommen zu haben. Und zu ebener Erde wurden heiße Kämpfe ausgefochten, wenn einer des andern Knüttel benutzen oder einer des andern Beute einheimsen wollte. Im Büdget des Jahres war die amerikanische Nußernte ein Aktivposten, auf den viele mit Sehnsucht warteten. Im Pfaffental und in der Louvignystraße gab es Konzerne, die mit dem Erlös aus den amerikanischen Nüssen ziffernmäßig rechneten. Ihre Mitglieder gingen in periodischen Zwischenräumen unter den Bäumen her, schätzten den wahrscheinlichen Ertrag ab und setzten ihn freibleibend in ihre Rechnung ein.

Ging es immer näher an die Ernte heran, so wuchs die Aufregung. Es wurden Wachen ausgestellt, die die Outsider, die Wilderer, die Dilettanten zu verjagen hatten. Bis dann an festgesetztem Datum die Einsammlung begann. Es gab eine Zeit, wo sich die einzelnen Firmen nicht mit Schmeißen von Knütteln und Steinen mehr begnügten, sondern wo ihre Leute die Bäume bis in die höchsten Wipfel erkletterten, um die köstlichen Früchte zu ernten. Ich glaube, es war drauf und dran, daß sich die einzelnen Gesellschaften zu einem Nußkartell vertrusteten. Da begann anscheinend das Objekt im Wert zu sinken, sodaß sie ihre Tätigkeit auf andre Gebiete verlegten.

Heute ist der Betrieb allem Anscheine nach ganz aufgegeben. Die amerikanischen Nüsse werden von der gesamten Bubenwelt mit Verachtung gestraft. Da wenigstens hat also das Amerikanische seine Zugkraft eingebüßt. Die schwarzen Bällchen hängen unbeachtet an den kahlen Zweigen und flößen jedem Schützen die Lust ein, mit der Flobertbüchse darnach zu knallen. Sie hängen einzeln, zu zweien, in Klumpen aufeinander, aber kein Bubenherz schlägt bei ihrem Anblick höher, keine Bubenhand zuckt nach einem Wurfgeschoß, sie herunterzuholen. Verloren, verachtet, unnütz rollen sie auf der Erde, von den Sohlen der Vorbeigehenden zertreten, ihre hellbraune Schale, die aus der grünen, zerplatzten Hülle quillt, lockt niemand mehr, ihre Zeit ist um. Die sonst, in schweren Tagen, nach ihnen trachteten, haben sich höheren Zielen zugewandt.

Soll und darf man darin ein Zeichen dafür erblicken, daß die Zeiten besser und die Buben eingezogener geworden sind?

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    Katalognummer BW-AK-014-3301