Es ging hier schon die Rede von dem Nüancensichtum unserer Mundart. Eine dieser Abstufungen, die sich im Volk eingebürgert hat, ist Ihnen im täglichen Verkehr sicher schon aufgefallen. Sie entfpringt der Abneigung des Durchschnittsluxemburgers, das Wort „Herr“ in der Anrede zu gebrauchen.
Angenommen, Sie heißen Müller. Das kann vorkommen. Sie begegnen einem Landsmann, der Sie nt und den Sie kennen, mit dem Sie aber in keinerlei gesellschaftlicher, geschäftlicher oder hierarchische Beziehung stehen. Er wird nicht sagen: Guten Tag Müller, auch nicht: Guten Tag, Herr Müller, sondern: Guten Tag, wie geht’s, Mossiö Müller?
Mossiö ist die Nüance zwischen Müller und Herr Müller. Sie eröffnet einen merkwürdigen Einblick in unsere Volkspsyche.
Herr ist etwas, das uns im täglichen Verkehr geniert, wie ein Stehkragen. Sagt man zu einem: Herr Müller, so will man damit einen respektvollen Abstand markieren oder sich mit ihm zusammen auf ein höheres gesellschaftliches Niveau heben. Der Herr Müller ist die Respektsperson, der Chef, der Mächtigere, von dem man etwas zu erwarten haben könnte, dem man sich freiwillig unterordnen will, es sei denn, wie gesagt, daß man ihn aus dem Bewußtsein einer gesellschaftlichen Solidarität heraus Herr nennt, um Niveau zu gewinnen.
Die Demorkatie hat aus dem Wortschatz ihrer Umgangsformen das Wort Herr sozusagen gestrichen. Der gemeine Mann sagt nicht gerne zu jemand Herr, wenn es nicht der Herr Pastor ist. Er hat dazu aus seinem Wirkungskreis eine andre Bezeichnung herübergenommen. Er sagt Meister. Sie stehen zum Beispiel auf der Plattform einer Elektrischen, Ihr Nachbar ist ein Maurer oder Klempnergeselle. Er fragt Sie, was die Uhr ist. Er wird nicht sagen: Wivill Auer aß et, Her? sondern:: Wivill Auer hu mer. Meeschter? Er kennt Sie nicht, er sicht Ihnen an, daß Sie nicht zu seiner gesellschaftlichen Schicht gehören, und er erkennt dies am aber er macht Sie nicht zum Herrn, sondern reiht Sie in die Rangordnung der Arbeit ein und nennt Sie Meister. Der Meister ist ihm auch der Höhere, aber nur der primus inter pares. Der Meister arbeitet mit ihm auf derselben Leiter, aber auf einer höheren Sprosse, er redet mit ihm vom Bau, er trinkt mit ihm sein Bier; wenn er Meister sagt, so stellt er eine sympathische Beziehung her. Sagt er aber Herr, so zieht er zwischen sich und Ihnen einen Graben, die Gemeinschaft hat aufgehört.
„Herr“ wird in der Demokratie sozusagen nur noch ironisch gebraucht. Es ist eine Parodie auf die vermeintliche Exklusivität der obern Zehntausend. Wenn in einem Dorfwirtshaus ein Ankömmling mit den Worten begrüßt wird: Aha, hier kommt der Herr Kandel, so will man nicht den Kandel uzen, sondern die Herren oder die, die es sein wollen.
Und da also der Herr in Verruf gekommen ist, hilft man sich mit Mossiö. Guten Tag, Mossiö Müller - da liegt drin: Wir kennen uns nicht so genau, daß ich Sie einfach Müller nennen, also bei Ihnen mit der Tür ins Haus fallen möchte, ohne durch den Vorhof der Höflichkeit zu gehen. Aber ich erkenne Sie auch nicht als „Herr“ an, so feierlich sind Sie nicht, ich will Sie nicht so weit von mir wegrücken, daß zwischen uns keine gemütliche Rede Platz greifen könnte. Darum nenne ich Sie Mosfiö. Ein wenig auch deshalb, weil dadurch in unsern Verkehr ein Schuß der berühmten französischen Höflichkeit hineinkommt. Wir wollen uns doch nichts vormachen, nicht wahr.
Und so ist das kleine Wort Mossiö gewissermaßen ein Exponent unserer Volksseele, ein Mittel, uns in Gedanken gegenseitig auf den Bauch zu schlagen, ohne dabei allzu vertraulich oder gar unhöflich zu werden.