Original

26. November 1926

Viele Köche verderben den Brei.

Das Wort ist malerisch, aber klingt abwegig, weil wir nicht an den Gedanken gewohnt sind, daß Köche überhaupt Brei kochen. Wir nehmen es auf guten Glauben hin und stellen uns lebhaft vor, wie viele Köche selbstverständlich den Brei verderben müssen.

Ich sah dieser Tage fünf Köche einen Brei verderben. Bildlich, wohlverstanden.

Ein Mann aus Deutschland kam über die Neve Brücke. Man sah ihm an, daß er hier fremd war. Er suchte offenbar seinen Weg. Er wußte nicht, sollte er grade aus, sollte er links oder sollte er rechts gehen.

Er faßte an den Rand seines Hutes und trat auf eine Gruppe von drei Frauen und zwei Männern zu, die des Weges kamen, augenscheinlich vom Markt.

„Verzeihung,“ sagte er mit einem gewinnenden Lächeln. „Wo komme ich hier nach dem Limpertsberg?“

„Nach dem Limpertsberg?“ kam es unisono aus fünf Mündern, und füns Hände erhoben sich und zeigten in mehr oder weniger übereinstimmender Richtung nach Norden.

Dem Mann aus Deutschland schien dies zu genügen, denn er lüftete dankend seinen Hut und wollte offenbar das Straßenband des Königsrings entschlossen unter die Füße nehmen, um nach Limpertsberg zu gelangen.

Das ließ sich die Gruppe, die er angeredet hatte, nicht bieten. So leichten Kaufs gibt man einen Fremden, der einen nach dem Weg fragt, nicht los. Man will doch etwas von ihm haben, nicht wahr, er soll doch sehen, wie man in der heimischen Geographie Pescheid weiß.

Die eine der drei Frauen fuhr sich mit dem rechten Zeigefinger rasch unter der Nase her, von der Hand. Die Bedeutung dieser Gebärde hängt, wie Sie sich sofort durch eine eigenhändige Probe überzeugen können, davon ab, ob sie zu oder von der Hand ausgeführt wird.

Eine Frau, die sich mit dem rechten Zeigefinger von der Hand unter der Nase herfährt und dabei einmal aufzieht, hat damit ihre Zunge angekurbelt.

So war es hier.

„Sie gehen hier hinauf,“ sagte die Frau, „dann links da erabber, wo die Tramsschienen sind, immer weiter, bis an den Boulevard extérieur ....“

Sie war indes noch lange nicht so weit gekommen, als die zweite der Frauen ihr ins Wort fiel und sagte:

„Nein, laß den Herrn doch richt aus gehen. Herr, so müßt Ihr gehen: Richt da hinauf, bis Ihr die Prinzessin seht, linker Hand, wir nennen sie die schwarze Muttergottes ...“

Aber kaum hatte sie gesagt „richt da hinauf“, unterbrach sie achselzuckend der eine Mann.

„Was ein Gedeißems,“ sagte er, die Situation herrschend, „er braucht nur den Schienen nachzugehen Herr, seht Ihr die Schienen hier. Abe, geht dem nach, bis andre Schienen kommen, so, kreuzwegs, da geht Ihr denen nach, rechter Hand, dann kommt auf den Limpertsberg.“

Zweie, eine Frau und ein Mann hatten bis dahin noch nicht eingegriffen. Da hängte die übrige Frau ihren Marktkorb in den linken Arm und bohrte sich mit der rechten Schulter eine Casse durch den K, den ihre Begleiter um den Fremden geschlossen haben.

„Bei wen geht Ihr denn auf den Limpertsberg. Wenn Ihr bei den Wasserturm geht, ist es ein ganz anderes, wie wenn ihr bei Soupesch oder in die Handwerkerschule geht ...“

Beim Wasserturm fuhr ihr der andre Mann in die Parade, und jetzt redeten sie alle fünf miteinander auf den Fremden ein ...

Als ich eine Stunde später nach Straßen ging, begegnete er mir oben an der Windmühle. Er blickte sich ängstlich um, ob kein dritter Mensch in der Nähe sei, dann zog er seinen Hut und fragte schüchtern: „Verzeihung, können Sie mir bitte sagen, wo ich hier auf dem Limpertsberg komme?“

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    Katalognummer BW-AK-014-3303