Original

27. November 1926

Am Donnerstag fand in unsrer Abgeordnetenkammer eine längliche Debatte über die mautfaltigen Pflichten des Automobilisten im Straßenverkehr statt.

Die Sitzung wird als eine der denkwürdigsten in die Annalen unsrer Landesvertretung stehen bleiben. Sie wird über dreißig, vierzig Jahre unsern Radfahren als ein mindestens ebenso merkwürdiges Kulturdenkmal erscheinen, wie jene Sitzung, in der Herr Thinnes selig verlangt hatte, die Radfahrer müßten eine große Kuhglocke an ihr Rad binden. verrufen waren dazumal die armen Chausseeflächen Alle Welt verwünschte sie als Friedensstörer, die Pferde scheuten vor ihnen, böse Menschen behaupteten kein Haustier sei vor ihnen sicher, vom Huhn bis zur Kuh, kleine Kinder und alte Frauen liefen ihnen mit Todesangst direkt in die Räder und um alle grünen Tische brodelten Hirne und kochten Fahrordnungen mit den raffiniertesten Fallstricken für die verruchten Radler.

Die erleben heute eine schöne Genugtuung. Missetätern sind sie Opfer, aus Geächteten sind die Lieblinge der Behörden geworden, die sie heute mit mütterlicher Fürsorge gegen die neuen Missetäter, und Autler zu schützen suchen.

Man hat aus der Debatte von Donnerstag den Eindruck gewonnen, daß der heutige Verkehr aus den Elementen besteht: Menschen, die Auto fahren, und Menschen, die nicht Auto fahren. Als Prototyp des letztern erscheint der Fußgänger.

Man hat aus derselben Debatte den andern Ein druck gewonnen, daß Pflichten im Verkehr nur für die Autofahrer bestehen, nicht aber für den Fußgänger.

Man konnte sogar den Eindruck gewinnen, daß manche Volksvertreter tief in ihrem Innern es als erste Pflicht des Automobilisten ansahen, sein Auto möglichst rasch zu verkaufen und wieder Fußgänger zu werden. Etwas Ähnliches deutete wenigstens einer der Redner an, als er die Hoffnung aussprach, wenn die Autos immer teurer und die Taxen darauf immer höher werden, so werden immer weniger Leute Auto fahren.

Viel einfacher wäre es in dieser Richtung, nach den schlechten Kerlen zu fahnden, die diese Teufelsmaschinen erfinden und vervollkommnen, und sie an den nächsten Baum zu knüpfen.

Man könnte aber auch diese Auffassung von der Pflichtenverteilung umdrehen und sagen: Pflicht eines jeden Fußgängers ist es, sich ein Auto zu kaufen, dann hören die einseitigen Klagen der Fußgänger von selber auf. In Amerika hat man sich dieser Vereinheitlichung der Menschheit bis auf Nasen genähert und fährt dabei nicht schlecht.

Jedenfalls ist dies moderne Verkehrsproblem ein nach der Formel der goldnen Mittelstraße zu schon weil alle Fahrordnungen der Welt das weichen und Überholen nach der Seite vorschreiben

Um auf die Pflichten des Fußgängers zurück zu kommen: Ich möchte nicht so weit gehen, zu verlangen, daß jeder Fußgänger eine Karbidlampe und eine große Huppe auf dem Bauch trage, aber er muß sich doch auch einigermaßen auf die neuen Verkehrsformen einstellen, grade wie der Mann vom Lande, der in die Großstadt zieht, es sich abgewöhnen soll seinen Stock oder Regenschirm wagrecht unterm Arm zu tragen.

Eine Viertelstunde, bevor in der Kammer am Donnerstag die Antodebatte anfing ereignete sich dreißig Meter davon Folgendes:

Lastauto kam von der Kammer her durch die Niklausstraße, dem großen Schild mit „Sens inter- dit zum Trotz. (Welche gottverlassene Schreiberseele diese Formel „Sens interdit“ ausgeheckt? Schreibt um Gottes willen an die Straßenecken: Passage interdit - Durchfahrt verboten! und sagt im übrigen: nichts steht, darf man ruhig durchfahren.)

Wie dieser Chauffeur, der den Sinn des „Sens interdit“ noch immer nicht begriffen hat, kam von @ach West durch die Niklausstraße. Zwei Buben @ sich auf dem Trottoir, das im rechten Winkel @er Buchhandlung Ernster vorbei auf die Niklaus@ stößt. Der erste davon sprang in einem Stunden@o von zirka zwanzig Kilometer um die Ecke dicht @ die Räder des Lastautes. Der Chauffeur bremste, @ die ganze Umgebung nach Gummi roch, und es @te nichts.

@ der nächsten Minute fuhr ein andres Lastauto @ erlaubten Nichtung durch dieselbe Straße. Links @ einem Hofraum kamen Kinder. Als der Wagen @e dort vorbeifuhr, stieß ein Mädchen einen viel @eren Buben so heftig an, daß er wieder vor die @ des Lastautos flog. Auch da verhütete der @ffeur durch heftiges Bremsen einen schweren @ll.

@ide Male erfüllte der Chauffeur seine Pflicht, @ Male war der Fußgänger im Fehler. Ich meine @ die Kinder, die mit knapper Not dem Unfall @ngen, ich meine die Fußgänger, die grade um die @e waren und deren Pflicht es gewesen wäre, mit paar schallenden Ohrfeigen den Leichtsinnigen @ Denkzettel zu geben und ihnen einzuschärfen, @ heutzutage jeder, der um eine Ecke biegt, erst @ Blicke auf Kundschaft schicken soll.

TAGS
    Katalognummer BW-AK-014-3304