Man hatte schon gehofft, es sei ihnen leid geworden. Nämlich den Straßenumtäufern. Aber sie haben es nun doch durchgesetzt. Die neuen Straßenschilder sind da. Sie kleben unter den alten, und die alten sind durchstrichen. Gewissermaßen abgestempelt, wie Briefmarken. Es wird doch jetzt um Gottes willen niemand auf den Einfall kommen, Straßenschilder wie Briefmarken zu sammeln, sonst taufen sie den Sammlern zulieb alle paar Jahre die Straßen um.
Die Leute, die in den Gemeinderäten Straßen taufen und umtaufen, kommen sich sicher vor, wie regierende Fürsten, die Orden verteilen. Es ist ein erhebendes Gesühl, wenn sich einer sagen kann: Ich gebe dem Lehmann einen Orden, damit hebe ich ihn aus der Masse nicht nur der Lehmänner, sondern der Menschen überhaupt heraus, er wird sagen können: Seht Ihr, sogar bis zu den Ohren meines Fürsten ist es gedrungen, was ich für ein famoser Kerl bin! Und auf seiner Todesanzeige wird stehen, daß er Ritter der Weinlaubkrone war.
Noch viel erhebender ist jenes Gefühl, bei einer Straßenumtaufkommission, wenn die Herren anerkannten Größen nachträglich die Echtheit ihres Ruhmes bescheinigen, indem sie Straßen nach ihnen benennen. Ein wackrer Stadtvater, der zeitlebens Goethe für den Erfinder des Liebig Fleischextrakts mag gehalten haben, wird sich der Abtragung einer Ehrenschuld bewußt, wenn er hilst, eine Straße Goethestraße taufen. Er wird noch in späten Jahren seinen Enkeln mit bescheidenem Stolze sagen: Seht Ihr, ich war es, der diese Straße so getaust hat.
Es ist nett von uns, daß wir unsere literarische Kultur durch Straßennamen wie Victor Hugostraße, Schiller- und Goethestraße dokumentieren. Es ist eine Art Anschauungsunterricht für die Massen, grade wie es das Interesse für Geographie nur fördern kann, wenn wir hier in einer Gegend, die keincrlei Beziehung zu dem belgischen Hafen Antwerpen hat, eine Antwerpener Straße die unsere nennen. Nun erfordert aber unsere strenge Neutralitätspflicht, daß wir am andern Ende der Stadt eine Straße Dünkirchener Straße nennen, damit uns die Franzosen keine Parteilichkeit vorwerfen, und damit wir auf diese Weise unsern belgischen Zollbundesbrüdern mit dem Scheunentor winken: Paßt auf, wenn Ihr es zu bunt treibt, schicken wir unser Eisen über Dünkirchen, statt über Antwerpen in die Welt.
Der Straßentaufkommission ist ein schwerer Vorwurf zu machen. Sie hat den großen Mann vergessen, der von allen großen Männern zu allererst und zu alleroberst in einem unserer Straßennamen hätte eingekapselt werden müssen: Napoleon! Es gab eine Zeit, wo sein Name in unserm Lande mindestens so populär war, wie in Paris und Ajaccio, wo sein Standbildchen aus Gußeisen in jeder Bauernstube auf dem Osen stand, wo fast in jedem Haus einer war, der ein Stück des napoleonischen Heldenepos mit erlebt hatte. Und wie mundgerecht klänge es: Napoleongsgaaß! Am großen Oktavprozessionssonntag hängt in der Kapuzinerstraße immer eine Fahne, auf der zu sehen ist, wie der Stadtmagistrat dem großen Kaiser die Stadtschlüssel überreicht, und im Park standen lange drei schöne Pappeln, die die Napoleonsbäume hießen, weil unter ihnen der Kaiser eine Rede gehalten haben sollte. Also wann kriegen wir unsere Napoleonstraße?
Wie lange wird es dauern, bis die neuen Straßennamen fich im Volksmund werden eingebürgert haben? An manche von ihnen wird sich der Luxemburger nie gewöhnen. Der „Bredewe“ und die „Lantergässelchen“ wird man von unten bis oben mit den schönsten Straßenschildern bekleben können, auf denen die Namen sämtlicher großen Männer Luxemburgs und der übrigen zivilisierten und unzivilisierten Welt verewigt sind, es wird doch bis ans Ende der Zeiten niemand einfallen, für „Lantergässelchen“ zum Beispiel Einsteinstraße oder Hindemithpassage zu sagen.
Straßennamen, an die sich das Volk gewöhnt hat, sind jeder ein Gefäß, in dem wir ein Stückchen Geschichte aufbewahren. Man soll das Gefäß nicht zerschlagen, um es durch eine leere Schässel zu ersetzen.