Original

4. Dezember 1926

Liebes Redaktörchen!

Ich habe Sie schon so oft angekniffen, daß ich Ihnen auch einmal eine kleine Genugtuung bereiten möchte.

Ich habe heute morgen beim Kaffee Ihre Zeitung gelesen und muß sagen, daß mich die Lektüre besonders gefreut hat.

Ich fange von hinten an, bei der Wettervorhersage für heute. Nichts bereitet mir innigeren Spaß, als wenn ich sehe, daß einer dieser Wetterstationsvorsteher wieder einmal gründlich daneben gehauen hat. Draußen scheint die liebe Sonne über Berg und Tal, kaum ein Wölkchen ist am Himmelszelt zu entdecken. Ein junger, quicker Frost beißt einem in die Nase und die Luft ist glasklar bis an die fernsten Straßenecken.

Und der Brüsseler Wetteronkel prophezeit: Wolkig, örtlicher Nebel; Nachtfrost; weniger kalt am Tage; etwas Regen.

Das stimmt vielleicht für Brüssel. Ich kann es ihnen sönnen. Wir haben’s besser.

Eine Treppe höher las ich Ihre Telegramme.

Nach einer Meldung aus Brüssel ärgert man sich dort, daß Briand Stresemann, Mussolini und Cham- berlain nach der Genser Tagung zusammentreten wollen, ohne Belgien als fünster Mann an der Entwaffnungslegelpartie teilnehmen zu lassen. Belgien habe doch großes Interesse an der Entwaffnung Deutschlands und die Agentur Belga wolle wissen, Briand und Chamberlain hätten Belgien immer volle Zusicherungen bezüglich einer Teilnahme Belgiens bei Besprechungen dieser Art gegeben.

So! Aha! Merken Sie, Herr Vandervelde oder wie Sie eben heißen, wie es dem Schwächeren tut, wenn der Stärkere ihm den Stuhl vor die Tür setzt, während drinuen über seine Interessen debattiert wird! Merken Sie, wie es uns zumute sein muß, wenn Sie drüben in Brüssel uns mit Tarifen und Übergangsabgaben, die unserm Vertrag mit Ihnen ins Gesicht schlagen, den Hals zuschnüren? Ich weiß nicht und kümmere mich nicht drum, was Sie in Genf verloren haben, aber wir wissen hier, was wir in Brüssel verloren haben und was wir gerne wiederfinden möchten. Es ist Ihnen sehr gesund, daß Sie sich ein wenig ärgern müssen, weil der Stärkere Sie über die Achsel ansieht. Nachher machen Sie sich vielleicht Ihre Anstands- und andern Pflichten gegen einen Partner klar, der über seine angestammten Rechte genau so eifersüchtig wacht, wie Sie über die Ihrigen.

Im übrigen: Seien Sie froh, daß Sie in Genf nicht dabei sind, denn wer weiß, ob Mussolini, wenn er den Briand, Stresemann und Chamberlain dort hübsch beisammen hat, sie nicht von einer Bande Schwarzhemden über die Alpen schleppen und internieren läßt, bis sie ihm den Willen tun.

Umgekehrt wäre es allerdings lehrreich, die nächste Genfer Bierrede des Herrn Stresemann zu hören.

Was mich noch geschadenfreut hat, liebes Redaktörchen, ist, daß die Franzosen sich mit ihrem gloriosen Frankenausstieg in die Nesseln gesetzt haben. Sie melden in einem Pariser Telegramm, infolge des Steigens des Frankens habe bereits Arbeitslosigkeit eingesetzt, und die sozialistische Kammergruppe habe beschlossen, mit Poincaré die Frage zu besprechen. Das wird höchst inkeressant. Nachdem die Finanzgenies sich die Köpfe darüber zerbrechen, wie sie den Franken stützen könnten, werden sie sich nun die Köpfe zerbrechen, wie er zu bändigen ist, damit er nicht zu hoch steige. Habeant sibi!

Den Kammerbericht übergehe ich, liebes Redaktörchen, den spare ich mir für heute abend auf.

Aber was meinen Sie in Ihrem Abreißkalender mit der Äußerung, unser Kriegsbrot habe aus einem Rohstoff bestanden, von dem die Hühner krepierten und der eher in eine Glasfabrik, als in eine Bäckerei gehörte? Sie meinten wahrscheinlich nicht eine Glasfabrik, sondern eine Gasfabrik. Denn daß sich irgendwie das Kriegsbrot in Glas umgesetzt hätte, konnte ich nicht merken.

HochachtungvollIhr Grimmberger.
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    Katalognummer BW-AK-014-3310