Sie hat sich nie die Haare schneiden lassen. Sie nicht! Und sie hat auch keine kniefreien Röcke getragen. Der Saum ihres Rockes fegte die Straße, und der größte Teil ihres Kopfes verschwand oft unter einem schwarzen Wolltuch. War es ihr dazu zu heiß, so trug sie einen Hut, der ihr nicht selten schief auf dem Schädel saß. Aber sie machte sich nichts daraus, und sie sagte, das ginge keinen Menschen was an, wie ihr der Hut auf dem Kopf saß. Je schiefer der Hut saß und je mehr es schien, als ziele sie mit jedem Schritt nach einem Stück Boden, das noch nicht da war, desto stärker verinnerlichte sie sich und desto überzeugter erklärte sie, die ganze äußere Welt sei ihr schnuppe und könne sie gern haben.
Sie hieß mit Vornamen Angela, was unsere Mundart unzweideutig in Engel übersetzt. Die Engel war eine Figur im Dorf. Wenn ein Gast die Tafel gesehen hatte, auf der der Wasserstand der Mosel am 24. Dezember 1919 durch einen horizontalen Strich in Erz verzeichnet ist, wurde ihm die andere Merkwürdigkeit, die Engel, gezeigt.
Sie war sympathisch durch ihren Freiheitsdrang. Sie war gutmütig, aber von ingrimmigem Unabhängigkeitssinn. Sie besaß an der äußersten Ecke einer Gässe! ein Häuschen, in dem sie mit ihren Katzen, ihren Hühnern und ihrer Ziege lebte. Alle physiologischen Vorgänge in ihrem und ihrer Hausgenossen Dasein vollzogen sich unter einem gemeinsamen Doch Sie war gut gegen die Tiere, ohne dafür ungut gegen die Menschen zu sein. Jeder Handwertsbursche war sicher, bei ihr die weitestgehende Unterlunft zu finden. „Sie gab es gerne!“ sellte man auf ihr Grab schreiben.
Sie stand auf eigenen Füßen, wie man zu sagen pflegt, das heißt, wenn sie noch stehen konute. Manchmal legte sie sich hin und verschlief die Schwere des Daseins, die in ihre Glieder eingezogen war.
Sie wußte einem in kürzester Frist ein Hühnchen für die Küche zu besorgen, und sie trat manchmal auch als Botenfrau in die Erscheinung. Ging es um die Zeit, wo die Brombeeren reiften, so bot sie sich an, morgen einen Eimer voll zu bringen. Wenn es morgen war, sagte sie, sie sei an ihrer Erntestelle gewesen, irgendwo tief im Wald, wo sich Has und Reh Gutenacht sagen und wo keine andere lebende Seele hinfinde und wo die schönften Brombeeren wachsen, aber sie seien noch nicht reif gewesen. Manchmal, wenn die Engel Ablenkung hatte, wurden ihre Brombeeren überhausi nicht reif.
Alle kannten sie und selten ging jemand an ihr vorbei, ohne zu fragen, wie es ihr gehe. Sie sagte nicht einfach und banal: „Gut!“ oder „Schlecht!“ Sondern sie suchte immer einen besondern Gedanken in eine besondere Form zu bringen. Ohne schwatzhast zu sein. Rein, schwatzhaft war sie nicht. Sie redete nur in Sentenzen, die sie grade vor sich hin in die Luft richtete und die jedermann für sich nehmen konnte. Sie stand über den Dingen, ließ alles an sich herankommen, tat nichts mit Hast, wurde häufig verhohnepimpelt und wußte mit großartiger Technik sich ihrer Haut zu wehren, im Stil des alten Studentenliedes: „Mir ist alles eins, ob ich Geld hab’ oder keins.“
Dann geschah es, daß ihre Katzen, ihre Hühner und ihre Ziege eines Morgens im Häuschen Lärm machten. Die Hühner flatterten gegen die Scheiben, die Katzen streckten die Psoten unter der Türe durch, die Ziege meckerte kläglich, und als die Nachbarn die Tür einbrachen, war keine Engel da.
Am Wald fand man im Abhang nach dem Fluß ihren Korb und kurz nachher im Wafser ihre Leiche. Jeder wird Ihnen sagen wollen, wie es sich zugetragen hat. Man kann sich lebhaft ausmalen, wie die Engel mit ihrem Korb die Straße daher kam. Es war dunkle Nacht. Die Schwere des Erdenwallens war wieder in ihren Gliedern. Drüben an der Bahnstation stach ein Licht, ein einziges, in das Dunkel der Nacht, und von unten, aus dem Wasser heraus, stach ein anderes zitternd dagegen. Und man kann sich denken, daß die Engel mit leisem Vorwurf in der Stimme sagte: „Was habt ihr da zu blinken, so spät in der Nacht, wo das Petroleum so teuer ist!“ Und die zwei Lichter lassen sich die Zurechtweisung in ihrer Heimtücke nicht gefallen. Die Engel tritt am Straßenrand vorbei mit einem Fuß in den jähen Uferhang, stolpert, rollt, fühlt die feindliche, kalte Plötzlichkeit des Wassers sie an allen Gliedern anfallen, flucht noch einmal: Än Donnerwieder! Und um sie tanzt wie verrückt das Licht, das im Wasser gezittert hatte, tanzt, wie die Indianer um den Marterpfahl tanzten.
Drei Tage später ziehen sie ihre Leiche aus dem Wasser, und in der Zeitung steht, es sei die Witwe Franz Stefsen gewesen.