Original

10. Dezember 1926

Das unheimliche Steigen des französischen Francs könnte eine schlimme Folge für Dich haben, lieber Leser: Wenn Du Dir nämlich nicht rechtzeitig die diesjährige Weihnachtsnummer der Pariser „Illustration“ bei Kraus sichertest.

Der Verlag dieser Kunstzeitschrift hat diesmal einen Griff getan, der eine Erlösung bedeuten kann, ich meine nur eine individuelle und zeitweilige Erlösung, aber doch eine Erlösung.

Vor der Dampfwalze der Zeit gibt es keine Rettung, die geht weiter seit Erschaffung der Welt. Die Malerei von heute kennt kein Zurück, und wer nicht mitgeht, bleibt schmollend am Wege stehen, mit all den andern, die nicht mitkommen. Wir sind ein leidenschaftlich suchendes, dürstendes Geschlecht, das den Trank der Vergangenheit schal findet und ewig dem Rausch zustrebt, ohne ihn ruhig genießen zu können.

In solchen Zeiten ist es ein Labsal, sich in die Ruhe einer Kunstepoche einzusenken, die sich mit ihren Idealen abgefunden hatte, in sich die höchste Befriedigung fand, die ihre Ziele nicht hinter den sieben Bergen suchte, sondern in stiller Zelle und konzentriertem Streben nach einer Schönheit, die sie erreichte weil sie mit sich darüber im klaren war, und in deren Besitz sie glücklich sein konnte.

Als jüngst die luxemburger Journalisten von ihren Kollegen in Trier empfangen wurden, war für Einige der Höhepunkt des Tages zweifellos der Besuch in der Stadtbibliothek, wo Professor Dr. Kentenich seine weltberühmten Handschristenschätze zeigte, vor allem den Codex aureus und den Codex Egberti. Seine Begeisterung steckte an, und als wir die Hallen des alten Jesuitenheims verließen, hatte unsere Sehnsucht Wurzel geschlagen in der Zeit, da die größten Künstler im Land meist in Klosterzellen saßen und aus ihren gebändigten Herzen die Schönheitsträume blühten, die uns noch heute entzücken.

Nun, in den Geist jenes Kunstbetriebs, wenn auch nicht ganz so tief in die Vergangenheit hinunter, führt uns die diesjährige Weihnachtsnummer der „Illustration“. Sie bringt farbige Reproduktionen einer Reihe von Miniaturen aus dem 14. und 15. Jahrhundert, die im Februar dieses Jahres die Pariser „Bibliothèque Nationale“ in einer unvergleich schönen Ausstellung ihrer wertvollsten Stücke vereinigt hatte. Es handelt sich meist um Bilderschmuck profaner Werte. Die „Illustration“ hat in dieser Art Kunstdruck ihren alten Ruf übertroffen, die Farbenfreude der Bilder, die unglaubliche Frische und dabei die süße Harmonie der Töne, das alles wird erhöht durch den lebhaften Glanz der Vergoldung, der freilich das Original nicht immer erreicht, immer aber ein volles Nachfühlen seiner Pracht ermöglicht.

Die „Illustration“ hat mit diesem Teil ihrer Weihnachtsnummer Tausende glücklich gemacht und andern Tausenden eine Welt von Kunstwundern erschlossen, die ihr Leben bereichern können.

Und dann führt uns das Prechtheft die Zeiten herauf über strahlende Gipfel der Kunst, an der einen Hand geleitet von dem erfahrenen Kenner, dessen Wort die besondern Reize einer Kunstrichtung aufzudecken weiß, an der andern von den Meistern, die das Welt-Evangelium der Kunst den Massen in Drucken von ungeahnter Vollkommenheit predigen. Der ganze Inhalt: La collection Cognacq - La légende du Martin-Pêcheur - Le Mystère des Pierreries - Das weibliche Porträt von Henri Roger - Wie unser Herrgott einen Banersmann besuchte - Venedig - Badende Frauen - Seite an Seite - das alles ist ein leises, gedämpftes Schwelgen in Farbenpracht, in sanst geschwungenen Linien der Bilder und Gedanken und Gefühle, ein wohltuendes, weihnachtfriedliches Ausruhen von den täglichen Waffengängen des Daseinskampfes, etwas, das man sich eifersüchtig in eine stille, dämmrige Ecke trägt, um es langsam, genießerisch in sich hineinzutrinken und damit wenigstens dies Stündchen wieder einmal hoch über den brausenden Tälern auf des Lebens Höhen friedvoll zu wandeln.

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    Katalognummer BW-AK-014-3314