Original

12. Dezember 1926

Wenn Du es müde bist, den „Temps“ und der „Figaro“, die „Frankfurter“ und „Kölnische“ und die „Luxemburger Zeitung“ zu lesen, dann liest Du das „Stachelschwein“ oder den „Simplizissimus“ oder greisst sonstwie zu einer pikanteren Lektüre.

Und wenn Du die deftige Alltagsküche mit Suppe Braten und Gemüse satt hast, verlangst Du nach Muscheln, Schnecken und Froschschenkeln.

Das sind nun Leckerbissen, die es nicht ursprünglich waren, wie zum Bespiel der Kaviar, der gleich als ein Privileg für bessere Gaumen in die Erscheinung trat. Aber Muscheln, Froschschenkel und Schnecken waren ganz sicher einmal ein Essen für das kleine, ganz kleine Volk, das sich keinen Lendenbraten und kein Huhn im Topf leisten konnte und um sich herum nach allem Eßbaren griff. Da traf es denn auf Frösche, Schnecken und Muscheltiere, um nur diese zu nennen Und als dann allgemeiner bekannt wurde, wie diese Outsider der Speisekarte unseres lieben Herrgotts so lecker sein konnten - vielleicht wurde einmal ein Kohlenbrenner zum Hüttenherrn und machte zum Beispiel die Schnecken salonfähig - da wurden sie immer teurer, weil sie zu wenig massenhaft vorkamen, um sich als billige Volksnahrung durchzusetzen. Nur die Muscheln blieben auf allen Sprossen der gesellschaftlichen Leiter heimisch und beliebt.

Die Schnecken begannen ihre gastronomische Laufbahn zweifelsohne von ganz unten herauf. Während des siebziger Kriegs waren die Kinder einer vor Geschlechtern nach Frankreich ausgewanderten Familie in mein Heimatdorf verschlagen worden. Eines Tages kamen sie mit Jubelgeschrei von der Gewann, jede mit einer Schürze voll Weinbergschnecken. Als sie uns @ sagten, daß sie die Schnecken essen würden, @ sie für uns gesellschaftlich erledigt. Zigeuner! @paak!

@chschenkel sind heute so teuer, daß man sie in @lichen Bürgerkreisen nur noch von Hörensagen @ Sie sind eigentlich nicht zum Ernstnehmen. Sie @was Puppenhaftes, sie sind ihrem Wesen nach @ur. Miniatur einer Zwillingsrehkeule, oder @ Backhändels. Sie sind das Ideal eines verdau@ Gerichts, weil man sie gezwungenerweise äußerst @ ißt.

@ecken haben mit Kuddelfleck - auch so einem @er demokratischen Ursprungs - das gemein, daß @en die Sauce die Hauptsache ist. Sie führen den @ Ekel ad absurdum. Alles an ihnen ist @et, uns ein Pfui! auf die Lippen zu zwingen: @ Gestalt, ihr Kriechen am Boden, ihr Schleim - @ die Idee, daß sie durch Gott weiß was für @ und Finger gegangen sind, bis sie konsumfertig @ie Speisekarte kommen - über das alles siegt @auce, die süffigpikante, würzige, freche Sauce.

@ die Muschel aber ist die Größe zweier @stäten: der Majestät des Todes und der Majestät @Ozeans. Mit jedem Mullen-Esser setzt sich die @ vor Vergiftung zu Tisch. Eine giftige genügt. @bt Mittel, sich dagegen zu schützen. Ein Silber@ eine Zwiebel u. s. w. Jahrelang kommt nichts vor, dann hört man, es habe einer nach einem MullenSchmaus ein blaues Gesicht bekommen und die Augen seien ihm aus dem Kopf getreten. Es trifft vielleicht nur den Zehntausendsten. Und niemand denkt, daß er der Zehntausendste sein wird. Die Luft auf Muscheln ist stärker, als die Angst vor Vergiftung.

Sie sagen, giftig seien nur die Muscheln, die am Rumpf eines Dampfers gesessen und sich mit Grünspan vollgesogen haben.

Auf die paßt nicht das Wort von der Majestät des Ozeans. Aber man denke an die rundgewaschenen Felsblöcke, an denen Ebbe und Flut seit Ewigkeit hinauf und hinunter spülen und die so voll Muscheln sitzen, wie ein Negerkopf voll Krauslocken. Dann vergeht einem die Angst vor Vergiftung und man genießt hemmungslos die Liebkosung zwischen Zunge und Gaumen, mit der die Muschel gleichsam um Entschuldigung für die Dreistigkeit der Sauce bittet.

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    Katalognummer BW-AK-014-3316