Original

18. Dezember 1926

Grimmberger begegnete mir am Paradeplatz.

Er trug in der Rechten ein Marktnetz, durch dessen Maschen allerhand Einwickelpapier schimmerte. Auch die Form einer Flasche ließ sich unterscheiden. Und auf dem linken Arm trug er eine schwere Reisedecke.

„So,“ sagte er zufrieden. „Ich habe mein Haus bestellt, es kann nichts passieren. Gas und Wasser sind abgesperrt, für die Katze habe ich an zehn verschiedenen Stellen Milch und Futter hingeftellt, außerdem fängt sie sich Mäuse im Keller und auf dem Speicher, sie wird mich nicht vermissen.“

„Gehen Sie längere Zeit fort, Herr Grimmberger?“ fragte ich.

„Man kann nie wissen. Jedenfalls habe ich hier genügend Proviant mit. Sechs wachsweiche Eier, zwei Büchsen Sardinen, ein Pfund Leberwurst, ein kaltes Huhn, einen halben Laib Brot, Äpfel, Birnen und Nüsse, und zwei Flaschen Wormeldinger Heiligenhäuschen.“

„Damit kann sich ein Mann drei Tage lang fristen.“

„Es wird vielleicht nicht so lange dauern,“ sagte Grimmberger, aber im Ton seiner Worte klang wenig Zuversicht.

„Und wo wollen Sie denn eigentlich hin?“ riskierte ich die Frage.

„Ich gehe in die Post, eine Achtsousmarke kaufen,“ sagte Grimmberger. „Machen Sie keine Augen, wie eine erschrockene Filmschauspielerin, es ist so. Ich will mir eine Achtsousmarke kaufen.“

„Aber darum bräuchten Sie doch nicht ...“

„Was bräuchte ich nicht! Haben Sie ’ne Ahnung! Wissen Sie, daß ich gestern siebenmal vergeblich versucht habe, bis an den Schalter vorzudringen, wo sie Briefmarken verkaufen! Also richte ich mich ein. Ich nehme mir Proviant mit, ich mache es mir auf einer der Bänke beauem und warte ab, bis ich dran komme. Ist es nicht heute, so ist es morgen. Ich werde nötigenfalls die Nacht in der Schalterhalle verbringen, um morgen früh der erste zu sein. Dafür habe ich meine Reisedecke.“

„Aber Herr Grimmberger, Sie scheinen mir ein bißchen zu übertreiben.“

„Was, übertreiben! Versuchen Sie doch selbst, junger Mann, stürzen Sie sich in die Caritasmarkenschlacht, wenn Sie Ihre Zeit gestohlen haben!“

Er schnaufte ein paarmal vor verhaltenem Ärger, dann legte er los.

„Wozu, meinen Sie wohl, ist die Post da?“

„Die Post ist ein Verkehrsinstitut, das ....“

„Sie haben ein Gesicht, wie ein Verkehrsinstitut! Unsere Post ist eine ganz gemeine Spekulationsbude, eine Markenjobberbörse, eine Anstalt zur Ausbeutung der Simpelhuber. Was ist eine Briefmarke? Was soll sie sein? meine ich. Ein Trockenstempel, den man sich bei der Post kauft, um ihn auf einen Brief zu kleben und dadurch zu beweisen, daß man die Taxe für die Beförderung des Briefes im voraus an den Staat bezahlt hat.

Und was ist aus der Briefmarke geworden? Ein Spekulationspapier, das der Staat von Zeit zu Zeit in die Menge wirft, wie bei einer Kindtaufe Pate und Patin die Zuckerbohnen ausstreuen, damit sich die Kinder darum zerbalgen. Passen Sie auf, es wird nicht mehr lange dauern, so heißen wir in der ganzen Welt das Briefmarken-Monaco. Wie ständen wir da, wenn wir heute noch dieselben Briefmarken hätten, die unsere Urgroßväter auf ihre Briefe klebten! An alte Briefmarken und Straßennamen zu rühren sollte bei Strafe der Vermögenskonfiskation verboten sein.

Wenn nun aber unser Staat die Caritas nicht aus seinen Kassen bestreiten, sondern dafür jedesmal eine neue Marke ausgeben will, so mag es ja auch sein, daß er damit den Briefmarkenstuß auf den Hund wirtschaften will.

Jedenfalls aber müßte er seine Postschalter von diesem Börsenbetrieb freihalten. Dafür ist die Post nicht da. Er sollte für das Briefmarkengeschäft einen eigenen Schalter aufmachen, oder es über eine Anzahl von Lokalen verteilen, wie die Theaterunternehmer ihre Karten durch die Bäcker, Papierwarenhandlungen, Tabakläden usw. vertreiben lassen.“

„Glauben Sie nicht, daß die Würde des Staates darunter leiden könnte?“

„Meinen Sie, so nicht?“

Und wütend stieß er an der Post die Flügeltür auf und verschwand mit seiner Bürde in der Schalterhalle.

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    Katalognummer BW-AK-014-3321