Original

21. Dezember 1926

Er frug mich, wie es mir ginge.

Ich hatte mir grade den Magen an Kuttelfleck verdorben. Das bot mir Gelegenheit, auf die Frage ausführlicher zu antworten, als man es gewöhnlich tut. Ich holte demgemäß zu einer längeren Erklärung aus. Ich streckte als Einleitung die Zunge heraus, so lang ich konnte, um ihm zu zeigen, wie sie belegt war, und er lächelte höhnisch und sagte: Ja ja, das kommt davon!

Ich versicherte ihm darauf, ich sei durchaus nicht unmäßig gewesen, ich habe sozusagen nichts getrunken gehabt, meine Magenverstimmung sei vollkommen alkehelfreien Charakters und er sagte: Jawohl, das glaube er, und ihm gehe es nicht besser. Bei ihm komme es von Muscheln. Und in dieser Zeit des Jahres sei jedermann mehr oder weniger unpäßlich, da sei nichts zu wollen, es sei für einen wie für den andern.

Ich empfahl mich und dachte im Weitergehen: Schöner Trost! Wenn der eine weiß, daß es dem andern ebenso schlecht geht, so ist damit dem einen noch nicht geholfen. Freilich, schon die alten Römer wußten: Solamen miseris socios habuisse malorum.

Es ist den Unglücklichen ein Trost, wenn sie Unglücksgenossen hatten - aber müssen denn die alten Römer immer recht haben? Wenn ein Erdbeben Tausende von Häusern und Abertausende von Menschenleben zerstört, so wird mehr darüber gejammert - von den Außenstehenden, natürlich - als wenn es nur drei Leute betrossen hat. Es wird über die blinde Vorsehung geschimpft, über das stumpfsinnige Geschick, das zuhaut, wie ein Idiot von Holzknecht. Die Verunglückten selbst aber sollen sich bei dem Gedanken trösten, daß sie so viele Leidensgenossen hatten.

Es ist mit dem Mitleid, wie mit einer Erbschaft: Viel Erben, schmale Anteile.

Das ist das Schlimme am Krieg: daß er daß Mitleid aus der Welt geschafft hat. Eine Zeitlang bedauerte man noch die Ärmsten, die draußen fielen und die, die sie daheim beweinten. Als es aber gar zu viele wurden, da hörte das Mitleid auf. Und mit der Zeit wandelte es sich gar in Entrüstung. Was, der oder die erheben den Anspruch, daß sie einem leid tun! Was bilden sie sich ein! Wollen die eine Extrawurst gebraten haben! Millionen sind im selben Fall und tragen ihr Leid stumm und gefaßt, und die da machen Staat damit, halten sich für was Besseres, tun, als ob ihnen allein vor allen Unrecht geschehen wäre, rühren ihren Mitmenschen frech an die Tränendrüsen! Es fehlt nicht vies, so schnallen sie sich Stelzfüße an und tun blaue Brillen auf und bieten auf den Caféterrassen Streichholzschachteln feil: Ein armer Kriegskrüppel!

Ja, der Krieg hat das Mitleid ertötet. Es ist so viel Elend in die Welt gekommen, daß auf jeden ein gerütteltes Maß entfällt. Klag deinem besten Freund dein Leid: Er hört dich ruhig, vielleicht etwas gelangweilt an, und sagt: Ja, lieber Mann, was ist da zu wollen, jeder trägt heute sein Kreuz. Ich bin auch nicht auf Rosen gebettet. - Und er dreht den Spieß um und schüttet dir seinerseits sein Herz aus.

Vielleicht ist er wirklich schlecht dran. Vielleicht auch nicht. Und das ist das Niederträchtige: Jeder sucht, die Lamentationen der andern noch wehleidiger zu übertrumpfen, damit er nicht in den Verdacht kommt, es gehe ihm besser, als den andern.

Die Folge wird bald sein, daß jeder sein Leid im eigenen Busen verschließt, und daß sich die Menschheit immer mehr verhärtet.

Es wäre wahrhaftig an der Zeit, daß wieder ein wenig Mitleidsöl in die Maschine käme, soll sie ohne Defekt weiterlaufen.

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