Sagen Sie, was Sie wollen, der Ort, wo am meisten zu erleben ist, bleibt der Bahnhof.
Unter Erlebnis verstehe ich nicht Totschläge und Razzias. Sondern die vielfältig bewegte Oberfläche des rascher strömenden Lebens.
Ich mußte jemand am Zug erwarten, abends um 22.48. Der Zug hatte 15 Minuten Verspätung gemeldet. Ich ging ins Bahnhofrestaurant. Ganz durch bis in die hinterste Ecke ging ich, in der Hoffnung einen Bekannten zu finden, mit dem ich die halbe Stunde hätte verplaudern können. Die einzigen Gäste, die ich kannte, tranken grade aus und fanden, daß es Zeit sei, zu Muttern zu gehen. Ob sie wirklich zu Muttern gingen?
Also saß ich ganz allein, weit hinten an der Wand mit dem Blick über den ganzen Saal.
Es hat etwas Beruhigendes, so zu sitzen, den Rücken gedeckt, alles Geschehen unter den Augen. Ich empfand es unbehaglich, daß von zwei jungen Leuten, die an einem der nächsten Tische Platz nahmen, der eine sich ohne weiters mit dem Rücken nach dem Saal setzte. Es muß, dachte ich, ein unheimliches Gefühl sein, das ganz unsichere, oft unheimliche menschliche Du miteinander eines Bahnhofrestaurants im Rücken @ haben. Ich dachte weiter: Man erkennt den Charakter eines Menschen an der Art, wie er in einem öffentlichen Lokal seinen Platz wählt. Ist er eine in seine abgeschlossene Individualität, die nicht Mitteilung und Ergänzung nach und von außen sucht, die ihrem Wunsch- und Pflichtenkreis ruhig rund genug ohne Bedürfnis nach auswärtigen Zusammenhängen und ohne Furcht davor, daß Störendes von außen in sein eingekapseltes Dasein dringe, gut, so setzt er sich eben mit dem Rücken gegen den Saal und spinnt sich ein in den Raum, der durch die vier Kanten seines Tisches begrenzt wird. Höchstens daß er ein kleines Geplauder mit der frischen Blondine hinterm Schenktisch anfängt.
Ist er dagegen .... pardon, ich merke, ich werd intim. Also brechen wir dies Thema ab.
Ein Kellner geht von Tisch zu Tisch und faltet die Tischtücher zusammen.
Ich wollte, meine Tante Kätty lebte noch, damit sie sehen könnte, wie dieser Kellner die Tischtücher faltet.
Als ich ein kleiner Junge war, stachelte mich meinen Ehrgeiz so, wie wenn Tante Kätty mich aufforderte, ihr beim Wäschefalten zu helfen. Ich spreizte die Arme so weit ich konnte und mußte mit aller Energie zufassen, damit mir die Zipfel nicht aus den Händen rutschten. Wenn dann das duftige Linnen von ihr zu mir wie ein Sprungtuch da hing, schwang sie es etliche Male auf und ab und dann legten wir es zusammen, erst einmal, dann zweimal, wobei ich mit spassigen Schimpsnamen belegt wurde, wenn ich den Handgriff nach links statt nach rechts herum ausführen wollte. Und dann gingen wir aufeinander zu und hoben die Hände gegeneinander, und die Faltung vollzog sich der Länge nach.
Nun, diese ganze Prozedur hat der Kellner wunderbar vereinfacht. Er faßt mit der Linken das Tuch in der Tischmitte spitz zwischen Daumen und Zeigefinger, greift mit der Rechten unter dem linken Arm durch nach dem linken Tuchfaum, zieht diesen bis an die entgegengesetzte Schmalseite, faßt wiederum diese mit spitzen Fingern, schüttelt das Ganze einmal hoch und siehe, das Tuch hängt tadellos in vier gefalteten
Der Fortschritt macht nie Halt.
11 Uhr! Sie ziehen das eiserne Harmonikagitter auseinander, das den eigentlichen Speiseraum vom Wartesaal abschließt. Ich komme mir vor, wie ein Kirchendieb, den sie im Chor gefangen hätten.
Draußen standen noch andere in Erwartung des Zuges. Der Portier fertigte grade eine Gruppe Ameri rikaner in tadellosem Englisch ab, darauf ein paar Franzosen in tadellosem Französisch und einen Italiener in tadellosem Italienisch, worauf er mir in tadellosem Luxemburgisch mitteilte, aus den 15 Minuten Verspätung seien 22 geworden.
Ich glaube, ich habe in diesen 22 Minuten mehr erlebt, als sonst manchmal in 24 Stunden.