Original

25. Dezember 1916

Wie ein Bürgermeister im Festornat, die trikolore Schleife quer über den Bauch, so liegt es vor mir auf dem Schreibtisch: die Weihnachtsnummer der Revue Sténographique Belge. Und unten links in der Ecke steht: Hommage des Sténographes Belges à leurs confrères du Grand-Duché de Luxembourg.

Die Widmung ist veranlaßt durch die Sitzungen, die im vergangenen August der internationale Stenographenausschuß bei uns hielt und an die sich mehrere denkwürdige Ausflüge schlossen. Diese Zusammenkunft erhielt den Namen „Réunion de la paix“, weil bei ihr zuerst wieder die Zusammenarbeit mit den deutschen Kollegen angebahnt wurde.

Sie begreifen, warum die Nummer, die ausführlich über diese Friedenstagung berichtet, den Namen Weihnachtsnummer verdient. Pax bominibus!

Die Seele der Veranstaltung. Herr A. J. de Baerdemacker, der sozusagen aus Liebhaberei, aber mit darum nicht geringerer Sachkenntnis die genannte Revue leitet, erzählt darin eine Weihnachtsgeschichte, die wirklich geschehen ist Es ist die Geschichte der Miß Hearst, die bei dem englischen Erfinder Graham Dakt@lo war und von ihm 10 000 Pfund Sterling erbte. Wodurch, sagt Herr de Baerdemacker, wieder einmal bewiesen ist, daß die Aufopferung - le déveuement - immer belohnt wird. Um so besser!

Der Inhalt des Heftes ist im Übrigen so reichhaltig, daß noch darauf zurückzukommen sein wird.

Für heute wird es den geneigten Leser noch interessieren, daß die Stenographen auch zuweilen als Redner auftreten, und zwar besonders bei ihren Berufskongressen. Gebranntes Kind schent das Feuer. Also haben sie in ihre Kongreßordnung folgenden Artikel 13 aufgenommen:

„Les orateurs ne pourront parler plus de quinze minutes, ni plus de deux fois dans la même séance sur le mème sujet, à moins que le Congrès n’en décide autrement.“

Der Kongreß hätte Unrecht, anders zu beschließen.

Nach dieser Einleitung komme ich zu meinem eigentlichen Thema.

Ein deutscher Parlamentsstenograph, der zugleich ein hervorragender Journalist war - er hieß Kronsbein - hat ein Buch über die Parlamentsstenographen geschrieben. Er verteidigt diese darin gegen die allgemein verbreitete Auffassung, daß ihrer 75 Prozent im Alter von 45 bis zu 55 Jahren verrückt werden. Er weist an Hand zuverlässiger Statistiken nach, daß es nur 73.37 Prozent sind.

Wie dem auch sei, die Ansicht bürgert sich immer mehr in internationalen Kreisen ein, daß die sämtlichen Übel, mit denen unsere Zeit gesegnet ist, von der Valutamisere bis zu den deutschen Geheimrüstungen in Rußland, auf das Schuldkonto der Parlamentsstenographen kommen.

Die Varlamente sind die großen, gefäbrlichen nationalen und internationalen Reibflächen. Die Zeitungen auch, jawohl, aber da erfolgt die Reibung doch nicht so Haut auf Haut, wie im Parlament. Und ohne die Parlamente würden die Zeitungen bald so zahm, wie Lämmer.

Warum ist dem so, warum speien die Parlamente Gift und Galle, Feuer und Schwefel?

Doch nur, weil die Reden zum Fenster hinaus, an das Volk gehalten werden.

Und dies ist nur möglich, weil da ein paar geplagte Biester sitzen, die mit der Nase auf dem Papier hinter den Rednern herkeuchen und jedes Wort von ihnen beflissen einsammeln, um es nachher über das ganze Land auszustreuen.

Das lesen nun die Leute draußen. Sie stecken sich daran an, sie gehen ins Wirtshaus und schlagen auf den Tisch und erklären, der Teufel holt jeden, der nicht sagt, der Müller habe recht gehabt, dem Schulz es einmal ordentlich zu geben.

Man könnte sich ganz gut denken, daß ein Parlament diese Unheilstifter, diese Rapportenträger von Stenegraphen zum Tempel hinausjagte und die Landesgeschäfte ganz unter sich besorgte. Dann würden aus dem Müller und Schulze im Handumdrehen zwei friedliche Bürger, die Arm in Arm und Schulter an Schulter zum Besten des Landes nicht mehr reden, sondern arbeiten würden.

Da aber irgendein Prudhomme einmal gesagt haben soll, que la publicité est la sauvegarde des peuples, wird die Rasse der Stenogravhen niemals aussterben.

Und es kann Weihnachten werden, so viel es will, und die Friedensglocken können läuten, so lockend sie wollen, es wird immer so bleiben, daß der liebe Herrgott sich schmunzelnd die Gloria in excelsis gefallen, im übrigen aber auf Erden die Menschen sich herumbalgen läßt, daß die Fetzen fliegen.

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    Katalognummer BW-AK-014-3327