Original

28. Dezember 1926

Wir beginnen heute, kann man sagen, die Rodange-Woche.

Am nächsten Montag findet im Stadt-Theater die Rodange-Säkularseier statt.

Alle Zeitungen werden eine Rodange-Nummer herausgeben, wie sie schon zum 27. August eine herausgegeben haben.

Wenn wir ein begangenes Unrecht gut machen, tun wir es wirklich voll und ganz.

Sämtliche luremburger Dichter, die sich in diesem Augenblick für verkannt halten, sollen sich an diesem Fall moralisch aufrichten und sich vorstellen, daß sie an ihrem hundertsten Geburtstag ebenso geehrt werden.

Denn es gibt noch verkannte Dichter, auch in Luxemburg.

Einen jedenfalls. Es ist der, der in der „Jonghemecht“, die von Herrn Victor Neuens in Esch herausgegeben wird, den Artikel geschrieben hat: E verstännegt Wuert iwer de Rodange a sei Nenert.

Diese Nummer erschien zur Feier des fünfzigjährigen Todestages des Dichters, und sie war die reichhaltigste der ganzen damaligen Rodange-Literatur. Sie hat Architektur. An die weiter ausholenden Aussätze schließt sich allerhand unterhaltendes Naschwerk. Wir erfahren dadurch zum ersten Mal Näheres über die Doktorarbeit, die ein Arloner Philologe über den „Renert“ geschrieben hat, und deren Erscheinen im Verlag der „Jonghemecht“ angekündigt wird. Ein Anonymus liest uns das Kapitel über das Thema: „Was ihr dem Lebenden verwehrt habt, sollt ihr dem Toten geben.“ Ein anderer Anonymus zeichnet den historischen Hintergrund, auf dem der „Nenert“ entstanden ist. Ein dritter Anonymus schreibt über Trémont als Tiermaler. Ein vierter Anonymus entrüstet sich darüber, daß ein Ausländer kommen mußte, um die erste wissenschaftliche Arbeit über unsern „Renert“ zu schreiben, und ein fünfter Anonymus sagt das, was er ein „vernünstiges Wort“ über Rodange und seinen „Renert“ nennt. Wir kommen auf ihn zurück.

Daneben plaudert Edm. Klein volkstümlich und anziehend über seine Knabentage, in denen er Rodange in Wiltz persönlich kannte. J. Feltes sagt Zutreffendes und Unzutreffendes über „Zeitgemäßes zur Tierdichtung“, A. Berrens bricht eine Lanze für die luxemburger Dichter und schlägt die Stistung eines Rodange-Preises nach dem Vorbild des „Prix Goncourt“ vor, und von Dr. F. Léger (Arkon) finden wir eine Probe seiner Behandlung des RodangeThemas in einem Aufsatz „Der Stil des Renert“.

Jeder, der sich für Rodange und sein Werk und für luxemburgisches Schrifttum überhaupt interessiert, sollte diese Nummer der „Jonghemecht“ seinem Archio einverleiben.

Nun zu dem Verfasser des sogenannten „Vernünstigen Wortes“, der seine Arbeit unterzeichnet „Ee vun der aler Erd“.

Er sagt von Nodange Schlimmeres aus, als die böfesten Widersacher, die seinerzeit gegen ihn erstanden waren. Es ist merkwürdig, daß aus jener Zeit keine Stimmen herüberklangen, um uns zu zeigen, was man damals denn eigentlich gegen den „Nenert“ und seinen Verfasser vorzubringen hatte. Ihr schlimmstes Los war ja eben nicht, daß sie totgeschlagen, sondern daß sie totgeschwiegen wurden.

Der Mann von der alten Erde sagt von Rodange, er sei zur Giftkröte geworden, als sein „Renert“ nicht einschlug; er habe in dem Buch das Höchste und Heiligste in den Ket gezerrt und verhunzt, und er habe dadurch die Öffentlichkeit so gegen sich aufgebracht, daß er davon krank und verbittert geworden sei.

Wer heute den „Renert“ liest, kann sich nicht denken, wo darin etwas in den Kot gezerrt und verhunzt sein könnte. Er merkt auch nirgends den Einfluß politischer Stänker, die den Dichter sollen aufgehetzt haben, wie der Mann von der alten Erde behauptet. Rodange hat einfach ein paar pittoreske Vorstellungen, wie sie im Volk lebten, in die Gesta seines Fuchses hineinverarbeitet. Und wenn er krank war, so war er doch nichts weniger als verbittert. Sonst hätte er seiner Verbitterung Luft gemacht. Statt dessen dichtete er die harmlosen Strophen des Lerchenliedes, vom Pflügen und Säen und Ernten.

Aber wenn einer in diesem Zusammenhang p bittert ist, so ist es der Mann von der alten Erde.

Ich weiß nicht, wer er ist. Aber ich weiß, daß er ein Luxemburger Dichter ist. Und es gibt heute keinen Luxemburger Dichter, der so geehrt wird, wie er überzeugt ist, daß er es verdienen würde.

Es gibt hier und anderswo Dichter, die über Gebühr gepriesen und geehrt werden, aber keinen, der findet, daß ihn sein Volk so anerkennt, wie er es verdient hätte.

Nicht jeder hat einen Charakter, wie unser Caruso

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    Katalognummer BW-AK-014-3328