Original

30. Dezember 1926

Mit einem Drittel Bestürzung, einem Drittel Wehmut und einem Drittel Zorn liest man in den Zeitungen, daß das Kino nun auch unserm Stadttheater das Knie auf die Brust setzen will. Ein Konsortium von Bürgern will an der Stätte, wo bisher die höhere Schauspielkunst gepflegt wurde, wo die Wände noch widerhallen von den Versen, die Sarah Bernhardt und Mounet Sully gesprochen - da will ein Konfortium von Bürgern mit einer neuen Flimmerkiste Geld verdienen, und der Stadt wird die Einnahme aus der Vermietung des Saales als Nettung vor künftigen Unterbilanzen vorgespiegelt Soll dann wieder einmal Theater gespielt werden, so wird die Film-Maschinerie einfach beiseite geschoben, sagen sie.

Industrialisierung ist schön, wenn es sich um Industrie handelt. Aber ein Stadttheater ist keine Industrie, ein Stadttheater ist eine Anstalt, die ethischen, moralischen, kulturellen, volkserzieherischen Aufgaben geweiht ist. Ein Stadttheater steht geistig auf der gleichen Stufe, wie Kirche und Schule. Wir haben auf Limpertsberg eine schöne Kirche, die Herr Petit gebaut hat. Sie stellt einen Wert von Millionen dar und bringt keinen Pfennig ein, kostet dagegen zum mindesten jedes Jahr die Zinsen für Tilgung der Bausumme. Warum denkt niemand dran, sie als Kientopp zu vermieten für die vielen Abende, wo sie leer steht? Weil es ein Sakrileg, eine Heiligtumsschändung wäre. Und warum werden unsere Schulen nicht als Kinosäle vermietet? Weil ihre ideelle Bestimmung dadurch eine Beimischung bekäme, die nicht minder als Entheiligung empfunden würde.

Ein Stadttheater soll nicht nach seiner Rentabilität gewertet werden. Wir tun sowieso schon verdammt wenig für unsere Vergeistigung, die paar Zehntausende, die das Theater uns kostet, bräuchten uns nicht zu reuen. Laßt es doch mit 50 000, 60 000 Franc Defizit abschließen: So kostet es uns noch weniger, als vor dem Krieg. Damals gab die Stadt 10 000 Franc Zuschuß, das entspräche heute einem Subsid von 70 000 bis 80 000 Franc. Das Theatersubsid ist aber aus dem städlischen Büdget verschwunden, also ist es mit einem relativ geringfügigen Defizit gar nicht so weit her. In Deutschland zum Beispiel leistet sich eine Stadt von der Bevölkerungszahl Luxemburgs - das zudem Hauptstadt ist - meist ein eigenes Theater und läßt es sich Summen kosten, über die unsern Ädilen die Haare zu Berg stünden.

Selbst wer Dinge wie Kunst und Ideal für Schaumschlägerei hält, sollte begreifen, daß es ohne sie nicht geht. Grade er würde zum Beispiel einem Kellner, der ihm Bier ohne Schaum vorzusetzen wagte, den Humpen glatt an den Kopf schmeißen. Na also! Das Bier ist doch das, was er in den Bauch schütten kann, wofür er bezahlt! Und doch muß er den Schaum haben. Warum? Weil das Bier ohne Schaum und das Leben ohne Kunst und Ideal schal und häßlich und unappetitlich ist.

Nun ist Kino ja auch Kunst, kann es wenigstens sein. Aber eine andere. Eine, die das Theater nie ersetzen kann. Und ist gerade jetzt, wo anderswo die Popularität des Kino abzuflauen beginnt und das Theater wieder hoch kommt - ist da hier in Luxemburg ein so dringendes Bedürfnis vorhanden, ein neues Kino sozusagen unter dem Patxonat der Stadt ins Leben zu rufen?

Ist man sicher, daß die erhoffte Einnahme aus der Saalmiete sich nicht durch allerhand unvorhergesehene Umstände ins Gegenteil verkehren könnte?

Liegt ein dringendes Bedürfnis vor, der Privatinitiative, die bisher der Nachfrage nach Filmvorstellungen zur allgemeinen Zufriedenheit entgegenkam, mit Hilfe der Stadt eine Konkurrenz auf den Hals zu werfen?

Freilich, es sind von den verschiedenen KinoUnternehmern nur zwei übrig geblieben, und die sind als Wählermasse nicht zu fürchten, wie etwa die Wirte, vor denen seinerzeit eine Stadtverwaltung so heilsame Furcht hatte, daß sie es nicht wagte, dem neuen Cercle die Bestimmung zu geben, für die er gebaut war und die sich letzten Endes sogar auch im Interesse der Wirte ausgewirkt hätte.

Will man absolut das Defizit im städtischen Theater vermeiden, so gibt es ein einfaches Mittel. Man schränke eine Zeitlang die Zahl der Vorstellungen etwas ein: So wird der Vetrieb weniger kosten und der Vesuch der einzelnen Aussührungen wird sich heben.

Aber man wird im Stadttheater nicht eine Promiskuität geschaffen haben, die sich bitter rächen muß.

Man hätte annehmen können, die Entweihung unserer Stadtbühne durch den Annoncenvorhang wäre schon eine genügende Konzession an den Geist der Industrialisierung und Kommerzialität.

Wenn einmal die Comédie-Française und das Stadttheater in Neu-Ruppin den Bund mit dem Kino schließen, dann dürfen wir dem Beispiel folgen.

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    Katalognummer BW-AK-014-3330