Manche Buchbesprechungen schreibt man, um dem Autor oder dem Verleger eine Genugtuung zu bereiten manche, um dem geneigten Leser, manche, um sich selbst eine Freude zu machen.
Diese ist eine von der letztgenaunten Art. Ich bin zwar sicher, daß der Autor, der Zeichner und der Verleger ebenfalls mit Befriedigung davon nehmen werden, und daß mir mancher Leser für den Hinweis danken wird. Aber das ist Nebensache. Ich schreibe dies zu meinem eigenen, innigen Vergnügen.
Es handelt sich um ein Buch, an dem alles und liebenswert ist, sogar die Verlegerfirma heißt Gottlob Koezle und wohnt in Wernigerode am Harz. Also nicht in Berlin, nicht in Frankfurt, nicht in München, nicht in Leipzig, nicht in irgendeiner Großstadt, die nach Steinkohlen und Asphalt und Benzin riecht, sondern in Wernigerode am Harz. Sie wissen, ja, der Harz, mit dem Brocken, wo die Hexen immersieren, die Roßtrappe, der Mägdesprung, der Tannenduft - denn im Harz muß es doch nach Tannen duften - und Wernigerode, mit dem Schloß der Grafen Stolberg und seiner berühmten Bibliothek.
Von dort kommt dies Buch. Man sieht und riecht es ihm an. Denn es duftet nach Schnee und Tannen und Wiesen und Heu und Blumen, nach feuchtem Jägerden und nach den Fellen aller Tiere des Waldes, Nach Mäusen und Insekten, nach Freiheit und geheimnisvollen Nächten und sonnigen Tagen.
Wie könnte dies Buch anders heißen, als: Aus dem Wunderland der Tiere. Hund, Katze, Fuchs, Hase, Reh, Igel, Maus, Frosch, Eichhörnchen, Rebhuhn, Schaf, Rabe, Ente, Hahn und Huhn und Küchlein, Grille, Biene, Käfer, Heuschreck, Schnecke, usw. usw. in farbigen Vollbildern, an denen die Großen und die kleinen sich gleichermaßen freuen, weil die Tiere da so köstlich vermenschlicht sind, daß man sie reden zu hören glaubt. Jedes redet für die Phantasie von groß und klein die Sprache, die seiner Physiognomie angemessen ist. Das kann man nicht so klar und einfach sagen, aber das empfindet jeder beim Anblick dieser Tiergesichter. Du hörst den Fuchs schlau parlamentieren und sagen, er sei es ja nicht gewesen und was sie denn wieder von ihm wollen - während ihn der Drahthaar und der Setter als Schutzmann und der Förster mit dem Strick um den Hals absühren und das ganze Morf zusieht: Der Vater Hase hängt die lange Pfeife bei der Hirzeltür heraus, Mama Lampe steht daneben und denkt: Wie kann man nur so schlecht sein! Die Gänse schnattern zum Fenster heraus und der Ziegenbock gibt seinen Senf dazu und die Küchlein laufen herbei, um sich den Erbfeind ihres Geschlechts aus der Nähe zu betrachten. Die Komposition ist meisterhaft, das Bild ist voll Dramatik, die eigene Art von Aquarell, dessen zarte Lavierung den Figuren und Gründen eine besondere Weichheit gibt, die leichte Faßbarkeit trotz reichster Fülle sind ebensoviele Vorzüge, die der Arbeit des Zeichners und Malers H. Warns nachgerühmt werden müssen. Jedes Kind muß doch schon vor Freude jauchzen, wenn es auf dem Titelbild sieht, wie die Eule aus dem hohlen Raum mit dem Fernrohr Ausblick hält, wie der Sperber als Wilderer mit dem grünen Jägerhütchen und dem Dolch im Gürtel sich ein Opfer eräugt, wie die Hasenfamilie auf der Wanderschaft ist, wie alle paar Zoll ein neues Detail für eine neue Geschichte den Anknüpfungspunkt abgibt, und wie die Heinzelmännchen alles in ihr Buch zeichnen und zwei Raben ihnen interessiert zuschauen.
Haben Sie schon ein kleines Mädchen beobachtet, wie es eine Katze heimelte und liebkoste und knutschte? Seien Sie sicher, mit demselben Bedürfnis des Ansherzdrückens wird es nach diesem köstlichen Buch die Arme ausstrecken.
Mit dem Gesagten sind kaum zwei von den zwölf Vollbildern von Hans Warns erwähnt, schon allein das Vorsatzpapier wäre eine Besprechung wert, und der Text, der uns mit Hans und Ilse durch das Wunderland der Tiere führt - A. W. ist er unterzeichnet - rührt zweisellos von jemand, der viel mit Kindern umgeht, in ihrem Innern Bescheid weiß und erfahren hat, wo man sie fassen muß, damit sie einem willig folgen.
Das Buch kostet fünf Mark.
Hätten Sie es gesehen, so würden Sie sagen: Hm, fünf Mark ist für uns viel Geld, aber wir haben schon dreißig und vierzig Franken für Dinge ausgegeben, die viel weniger wert waren, als ein Kinderherz voll Freude und eine Kinderphantasie voll farbiger und anregender Vorstellungen, die alle zur Natur führen.