Original

1. Februar 1917

„Na denn also schönen guten Abend, Herr Grimmberger, und sollten wir uns diese Mitternacht beim Neujahrswünschen nicht sehen, so lassen Sie mich Ihnen gleich jetzt ...“

Er schnitt mir das Wort mit einem zornigen „Höhöhö!“ ab, wobei er sich einer künstlichen Heiserkeit besliß, damit es sich bärenbeißerischer anhörte.

„Blödsinn! Ein Dutzendmal im Jahr steht so ’n amtlicher Blödsinn im Kalender. An Weihnachten tun sie sich zusammen, um große Friedensgesten zu mimen, an Ostern spiegeln sie sich Auferstehungsstimmung vor, an Pfingsten ist es angenommen, daß sie den heiligen Geist verspüren, und jetzt an Neujahr fließen sie von Glückwünschen über, auf Kommando, wie Rekruten, die Parademarsch machen und sich dabei unanständige Sachen denken. Bleiben Sie mir mit Ihren Glückwünschen vom Leib!“

„Aber lieber Herr Grimmberger, ich versichere Ihnen, ich meine es aufrichtig. Und es ist doch allerhand, wenn wenigstens an diesem einen Tag die Menschen einander den guten Willen zeigen, von dem in der Weihnachtsbotschaft die Rede geht.“

„Ich huste auf Ihren guten Willen. Glauben Sie denn, von all den Beglückwünschten der Neujahrsperiode nimmt ein einziger die Glückwünsche der andern ernst.“

„Aber natürlich, Herr Grimmberger!“

„Sie Bählamm! Also Sie bilden sich ein, wenn Ihre Abonnenten am Neujahrsmorgen Ihr Prostgestammel lesen, so sind alle diese rund fünfzehntausend Landsleute überzeugt, es könnte Ihnen nichts Angenehmeres passieren, als daß Ihre Abonnenten alle miteinander irgendwo ein großes Los gewännen.“

„Aber selbstverständlich, Herr Grimmberger.“

„Unglaublich! Also müßten diese fünfzehntausend Abonnenten doch auch folgerichtig’ glauben, wenn es ihnen im Lauf des Jahres gut geht, Sie hätten ein Verdienst dabei und einen Einfluß auf das Schicksal! Wenn es nun aber schief geht, wie! Dann stehen Sie umgelehrt da als der Blamierte, der an allem Unheil die Schuld trägt.“

„Was täten denn Sie an unserer Stelle, Herr Grimmberger?“

„Wünschen Sie Ihren Lesern doch lieber verkehrt herum Glück.“

„Zum Beispiel?“

„Wünschen Sie ihnen Pech und Schwefel auf den Leib. Trifft es ein, so sagen sie: Die Brüder aus der Zeitung sahen alles kommen. Solche Schlauberger verdienen, daß man ihnen Vertrauen schenkt. Haben sie aber das Jahr hindurch lauter Glück, so vergessen sie vor Freude, Ihnen gram zu sein.“

„Solche Neujahrswünsche möchte ich sehen.“

„Können Sie Wünschen Sie zum Beispiel jedem Ihrer Leser als Angebinde sagen wir nur eine gediegene Blinddarmentzündung. Oder halten Sie einen kleinen Typhus für zweckmäßiger? Wünschen Sie allen miteinander, daß die Papiere, die sie sich grade gekauft haben, von heute auf morgen ins Bodenlose fallen. Oder daß ihnen die Frau mit ihrem besten Freund durchgeht und nach acht Tagen wiederkommt. Oder daß ihre Tochter einen schönen jungen Mann heiratet, nach dem die Berliner Polizei wegen Hochstapelei fahndet. Oder daß ihre Söhne auf Hohen Schulen verbummeln und in Paris Kellner werden. Oder daß sie mit einer neuen Buick bei der ersten Ausfahrt in einen Hausgiebel rennen. Oder daß ihnen ihr neues Haus mit allen Möbeln über dem Kopf verbrennt am Tag, bevor sie es versichert haben. Oder daß sie im Kasino durchfallen. Oder daß sie in den Gemeinderat gewählt werden. Oder daß ihre Bank heimlich Pleite macht. Oder daß der Belga auf 13.75 Franc steigt, nachdem sie sich grade in Dollar eingedeckt haben. Oder daß ihnen ihre Frau Drillinge schenkt, während sie auf der Wohnungssuche sind. Mit einiger Phantasie und Menschenkenntnis werden Sie schon noch eine ganze Menge solcher Neujahrswünsche austifteln.“

„Schön, Herr Grimmberger. Also ich wünsche Ihnen von Herzen ....“

„Ich weiß schon,“ unterbrach er mich und enteilte.

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    Katalognummer BW-AK-015-3332