Original

4. Januar 1927

Höllenstürze und Himmelfahrten gab es immer und wird es immer geben, solange es den Menschen nicht gegeben ist, das Rechte sofort unfehlbar zu erkennen und anzuerkennen.

Wir wohnten gestern abend einer glänzenden Ehrenrettung bei. Wie die Sonne durch Nebel langsam aufwärts dringt und dann das Land überstrahlt, so ungefähr war es, da ein luxemburger Dichter durch Miß- und Unverständnis hindurch bis zum Herzen und Verstand seines Volkes den Weg sand.

Mir ist, als seien wir - in kleinerem Ausmaß - im Begriff, zu einem ähnlichen Irrgang im Bogen auszuholen.

Ich meine den Zwischenfall im Mädchenlyzeum.

Ich kann mir denken, daß eine Zeit kommen wird, wo man darüber die Achseln zucken wird.

Das wird die Zeit sein, wo es einem eingefallen sein wird, die Rede zu lesen, die Frau Thomas bei der Eröffnung des Mädchenlyzeums gehalten hat.

Ich habe diese Rede weder gelesen noch gehört. Aber Frau Thomas ist als eine intelligente Vorkämpferin nicht nur der Frauenrechte, sondern auch der Frauenpflichten bekannt. Jeder Weg zur Arbeit ist für die Frau ein Weg zur Pflicht. Wenn Frau Thomas die Eröffnung des Mädchenlyzeums dazu benutzte, ihre Ansichten über die Rolle der Frau im modernen Leben darzulegen, so wird sie sich nicht mit ein paar Seiten Makulatur, mit einem Haufen Gemeinplätze begnügt haben. Sie wird gedacht haben: Hier vollend’ ich’s, die Gelegenheit ist günstig. Und sie wird eine Rede vorbereitet haben, in der sie mit Wärme und Überzeugung für ihre Ideale zu werben gedachte. Das sind köstlich schmerzvolle Stunden, in denen die Gedanken und die Worte sich aus dem erregten Chaos eines leidenschaftlich aufgestachelten Schöpferbedürfnisses losringen. Das kann jeder erleben, der etwas geistig aus sich herausgebären will es braucht kein Milton zu sein, der am Verlorenen Paradies, und kein Goethe zu sein, der am Faust 2. Teil arbeitet, es kann ein schlichter Landschullehrer sein, der eine Grabrede auf einen teuern Kameraden ausarbeitet, und es kann eine Frau Thomas sein, die ihr soziales, ethisches, intellektuelles Glaubensbekenntnis ablegt, um auf Geist und Herz der jungen Mädchen, denen sie neue Wege ins Leben weisen will, Eindruck zu machen.

Und so hat man denn Stunden und Tage daheim gesessen, vielleicht spät in die Nächte, um den Samen zusammen zu tragen, den man ausstreuen will. Und man sieht sich mit der heiligen Sämannsgebärde über den offenen Acker schreiten - und auf einmal ruft es aus der Menge: „Sie, Ihre Cravatte sitzt schief!“

Ich wäre dafür, daß man jetzt einmal von dem reden sollte, was Frau Thomas den jungen Mädchen vom Lyzeum am Tage der Eröffnung sagen wollte und gesagt hat.

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    Katalognummer BW-AK-015-3333