Original

5. Januar 1927

Unter den Gedanken, die Herr Staatsminister Bech in seiner Rede auf der Rodangefeier am Montag entwickelte, war einer, der nicht dick genug unterstrichen werden kann.

Herr Bech sagte: Alle diese Feiern zu Ehren unserer luxemburger Dichter wären verlorne Liebesmüh, wenn sie für uns nicht jedesmal eine Mahnung und eine Gelegenheit wären. uns in Einigkeit und im gemeinsamen Gedanken an die Heimat zusammenzufinden. So ungefähr war der Sinn seiner Worte.

Wenn alle, die eines guten Willens sind, sie beherzigen wollten, wäre vieles gewonnen.

Der Krieg, der die größte und hoffentlich die letzte Geißel der Menschheit ist, hat für die großen Länder jedenfalls das eine Segensreiche, daß er ihre Völker in der Rot der Stunde im Zeichen des Blutes einigt und zusammenschweißt.

Diese böse Not, in der es um Alles geht, haben wir nie gekannt. Darum kennen wir auch nicht den alles überstürmenden Drang nach Einigkeit und Zusammenschluß. Der Instinkt ist da, das dunkle Bewußtsein einer notwendigen Zusammengehörigkeit gegen den gemeinsamen Feind, aber der bittere Zwang fehlt, die Frage nach sein oder nicht sein, die wir selber lösen müssen.

Nun sagt Herr Bech, wenn wir einen unserer Dichter feiern, so sollen wir uns wenigstens für den einen Tag auf das Gemeinsame besinnen, in uns das Bewußtsein stärken, daß wir ganz tief unten doch eines Saftes sind und als etwas Besonderes zusammengehören.

Wenn ein Dichter fünfzig Jahre tot ist, so braucht er ja nicht mehr den Neid der Lebenden zu fürchten, die auch berühmt werden wollen. Er hat seinen Platz und rennt mit keinem Lebenden mehr um die Wette.

Da wären also keine Störenfriede zu fürchten. Für das andere Volk aber kommt nur das gemeinschaftliche geistige Eigentum, der unbestrittene Nationalbesitz in Betracht, der Brunnen, aus dem alle schöpfen, und der um so reicher fließt, je mehr daraus trinken.

Dies Schöpfen und Genießen, dies Innewerden, dieses Besitzerbewußtsein führt uns miteinander in die Tiefen unserer völkischen Eigenart, bis dahin, wo wir nichts mehr sind, als die Menschen ohne Abstempelung nach Partei, nach Klasse und Beruf, nach Bildung und Besitz, nach Alter und Geschlecht. Dahin, wo wir uns verstehen, weil kein Mißverständnis mehr möglich ist. Wo die gemeinsame Liebe zur Heimat das Wunder eines Empfängers wirkt, der auf alle Wellenlängen zugleich eingestellt ist.

Die Feste gehen vorüber, die Erinnerung daran bleibt. Und der Glaube an die Möglichkeit von allerhand Versöhnungen, Annäherungen, Verständigungen, Waffenstillständen wurde wieder einmal gestärkt. Er wurde es jedenfalls bei denen, die aus wirklicher Liebe zur Heimat dabei waren. Die andern - es gibt auch andere - bleiben davon unberührt. Und es geschieht ihnen recht, daß sie sich den Zwang antun und heucheln mußten, damit es wenigstens aussah, als seien sie mit dabei gewesen.

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    Katalognummer BW-AK-015-3334