Herr René Blum sagte kürzlich in der Kammer, die Bücher seien so teuer geworden, daß kein Mensch sie mehr kausen kann, zumal die deutschen und die französischen.
Das ist leider wahr.
Aber es gibt trotzdem Bücher, die jeder geistig Interessierte kaufen muß, wenn er der Gemeinschaft angehört, aus der diese Bücher hervorgegangen sind.
Zu ihnen gehört das Werk eines Luxemburgers, dessen Erscheinen schon um mehrere Monate zurückliegt und das seither in einem Teil der Auslandpresse sehr günstig besprochen wurde.
Unsere Leser kennen es aus der Rezension, die in der „Luxemburger Zeitung“ gleich nach seinem Erscheinen veröffentlicht wurde. Es ist die „Evolution de la Chanson Française savante et populaire des origines à la Révolution Française“ von Professor Dr. Mathias Tresch. mit 15 Holzschnitten von Nico Klopp, Bruxelles et Paris, La Renaissance du Livre.
Die Summe gelehrter Forscher- und Sammlerarbeit, die sich auf die 550 Seiten des stattlichen Fokianten verteilt, ist von zahlreichen Fachgelehrten nach Gebühr gewürdigt worden. Eine sachliche Kritik setzt gründliche Kenntnisse voraus, und da ist Herr Tresch wohl der einzige Luxemburger, der sich auf diesem Wissensgebiet spezialisiert hat. Wir müssen die Wertung seiner Arbeit nach rein wissenschaftlichen Normen schon andern überlassen.
Aber es läßt sich über das Buch auch anderweitig allerhand sagen.
Zunächst, daß Herr Tresch sein Sprungbrett nicht in der Enge der luxemburger Heimat, sondern im Ausland gesucht und dadurch ohne weiteres internationales Niveau gewonnen hat. Und daß seiner Arbeit von vornherein die Anerkennung der Kundigen nicht fehlte, beweist der Umstand, daß der Gründer und Vorsitzende der Pariser Académie de la Chanson Française, der frühere Minister Ch.-M. Couyba, ihm eine lyrisch begeisterte Vorrede zu seinem Werk beigesteuert hat.
Auch daß sich ein Verlag, wie „La Renaissance du Livre“, des Buches angenommen hat, bedeutet die Einklassierung des Verfassers in die Reihen des international anerkannten Fachgelehrtentums.
Seinem Werk sind aber noch andere, als die gelehrten Seiten abzugewinnen, es steckt anderes und mehr darin, als bloße Sammel- und Sichtungs- und Wertungsarbeit. Ich meine damit besonders die Vorrede. In ihr gibt Tresch ganz Eigenes, sie entblüht dem ganzen Stoff als ein Besonderes, in dem sich die Seele des Volksliedes mit der Seele des Autors verbindet, der uns ihr Wesen erläutert, wie es sich ihm offenbart. Aber auch da verläßt er sich nicht auf subjektive Eindrücke, er durchpflügt die ganze Literatur und zeigt uns die Reaktionskurve des Volksliedes durch die Seelen der Empfänglichsten, der Dichter und Musiker.
Mathias Tresch kommt aus dem Volk, aus dem breiten Tal zwischen Mersch und Dommeldingen, dessen Hügel den Uferhügeln des Bodensees gleichen, dessen Wiesengründe manchmal zu Wasserflächen werden und die Dorfidyllen längs der Hügel spiegeln, einem Tal, das von immer her aus dem Herzschlag des Landes den lebendigsten Strom weiterleitete.
Dann nahm ihn die Buchweisheit gefangen, und aus der Mischung Wiesengrund und Studierstube wurde der, der aus der Erforschung der Volksseele durch das Lied seine Lebensaufgabe machte.
Seite 33 seiner Vorrede zitiert Tresch die Worte Henri Bremond’s, der einmal gesagt hat: „que l’étrange séduction des vers réellement poétiques ne consiste ni dans la prosodie, ni dans l’idée exprimée, ni même dans les images plastiques, mais dans je ne sais quoi qui défie parfois le raisonnement le plus logique et nous transporte dans cette sphère aux rapports mal définis où voisinent les vrais poètes de toutes les écoles..... La poésie populaire de tous les pays aime le nonsens.“
Und auf Seite 17: „.... d’autres, comme Viclé Griffin, y trouvent exprimée cette chose intime ct spontanée, balbutiée à peine et pourtant attendrissante parceque vraie profondément et éternellement humaine. qui constitue la voix anonyme, lointaine, authentique, populaire en un mot de l’émotivité humaine ...“
Beim Lesen solcher Zitate gewinnt man die Überzeugung, daß der Verfasser zutiefst in das Wesen des Volksliedes eingedrungen ist, und daß sein Buch nicht die Arbeit eines trocknen Sammlers darstellt, sondern daß es bei aller Wissenschaftlichkeit und Verständigkeit als das Werk eines scharfsinnigen Volkspsychologen hochgeschätzt zu werden verdient.