„Kommen Sie,“ sagte Herr Grimmberger und lächelte verschämt, indem er mich vertraulich untersaßte: „Kommen Sie, ich werde Ihnen den Kampf mit dem Hemd erzählen.“
„Den Kampf mit dem Hemd?“
„Jawohl, buchstäblich. Sie wissen, ich war kürzlich zur Hochzeit meiner Nichte geladen. Ich gehe sonst nicht auf Hochzeiten, aber meine Nichte ist ein zu ein liebes Ding, und da wollte ich ihr die Freude machen. Und sie hatte mich so verführerisch darum gebeten. Um zehn Uhr sollte ich da sein.
Um acht Uhr sagte meine Haushälterin: „Herr Grimmberger, es wird Zeit, daß Sie Toilette machen.“ - Sie ist eine unverschämte Person, die überall mit ihrem Schlappmaul vorne weg ist. Ich muß doch selber wissen, wieviel Zeit ich zu meiner Toilette brauche. Ich sagte: „Kümmern Sie sich gefälligst um Ihre eigene Toilette, ich weiß, was ich zu tun habe!“
Sie spielte die gekränkte Leberwurst, und als ich später fragte, was das denn heiße, warum ein funkelnagelneues Frackhemd auf meinem Bett liege und keines von den vielen andern, die ich hatte, biß sie zurück, die wären bei der Büglerin. Das kenne ich. Wenn etwas bei der Büglerin ist, hat sie es verstochen und weiß selbst nicht, wo sie es finden soll.
Ich mußte mich also entschließen, mir die Brust mit diesem neuen Stück stahlharten Linnens zu umpanzern.
Als ich dazu überging, war es 9 Uhr. Ich war beruhigt. Noch eine Stunde Zeit.
Da lag der viereckige weiße Deckel, hochmütig, abweisend, wie ein Lakai aus gutem Hause. Oder wie ein Bild von Saïs.
Ich bin, wie Sie wahrscheinlich auch, gewöhnt, ein frisches Hemd einfach irgendwo zu ergreifen, auseinanderzuschütteln und über den Kopf zu stülpen.
Hier ging das nicht, wie ich beim ersten Griff feststellte. Das war ein Hemd nicht zum Anziehen, schien es, sondern zum Insschaufensterlegen. Ich hatte gut schütteln, es rührte sich nicht aus der Fassung. Es blieb steif, verstockt und viereckig. Ich wollte meine Haushälterin rufen und sie anhauchen, was denn das für ein Hemd sei und so weiter, aber ich besann mich rechtzeitig darauf, daß ich nicht in einem ToiletteStadium war, in dem man sich einer Haushälterin dieser Art zeigt. Ueberdies bin ich heute überzeugt, daß durch ihr Eingreifen die Sache nur noch schlimmer geworden wäre.
Ich wurde nun um eine Nüance energischer. Ich trat dem Hemd gegenüber wie ein Boxer dem andern, bevor es ernst wird. Ich betastete es. Suchte seine schwachen Seiten herauszufinden. Ich faßte es erst unten bei dem Einknöpfzipfelchen, dann oben am Kragen. Es fühlte sich so unnahbar an, so mineralisch möchte ich sagen. Ich hebe es hoch und versuche, ob es beim Schütteln nicht doch am Ende auseinanderfällt, wie ein kunstvoll tranchiertes Brathühnchen. Es denkt nicht dran.
Ich bemerke, daß in allen Knopflöchern kleine, erbsengroße Knöpfchen stecken. Aha! Die müssen erst raus. Es ging nicht von selbst, den nächsten riß ich in der Eile die runden Köpfchen ab. Aber schließlich lagen sie doch alle oder nahezu alle um mich herum auf dem Bodenteppich. Ich schüttle wieder, mit großer Zuversicht und ebenso großem Mißerfolg. Hie und da scheint eine Spatte zu klaffen, aber öffnen tut sich keine. Ein Kreuzworträtsel, zu dessen Lösung die Hauptsache noch fehlt.
Es war inzwischen neun Uhr siebzehn geworden. Die Sache fing an, musikalisch zu werden, wie man in meiner Jugend zu sagen pflegte. Ich war entschlossen, durchzugreifen. Ich vergaß das Wort Ludendorff’s, daß der Krieg eine Sache der Nerven ist. Das Hemd hatte keine Nerven. Aber ich. Das Hemd siegte, moralisch, wenn ich so sagen darf; doch greifen wir den Ereignissen nicht vor.
Nachdem ich den tückischen Gegner wiederum eine Zeitlang beobachtet und mit ihm zirka 10 Minuten in erfolglosem Geplänkel vertan hatte, glaubte ich soviel ausgekundschaftet zu haben, daß er seine Widerstandskraft seiner Stärke verdankte. Unter Stärke ist das Präparat aus Reismehl zu verstehen, das die Büglerinnen bei der Ausübung ihres Berufes benutzen. Diese Stärke saß nicht nur in dem Brustpanzer, sie saß überall und klebte sämtliche Falten dieses Galauntergewandes zusammen. Ich riß sie auseinander, daß es krachte und stieß dabei auf ein neues Verteidigungssystem, eine Anzahl winzige Stecknadeln, die an Stellen, wo sie niemand gesucht hätte, heimtückisch das Gewebe zusammenhielten. Ich glaube kaum, daß ich in meinem Leben in so kurzem Zeitraum soviel Flüche ausgestoßen habe. Alle paar Sekunden stach mich eine dieser verfluchten Nädelchen in einen Finger. Ich suchte sie in den steifen Falten. wie Flöhe, fand sie auch zumeist, aber dann war es mir unmöglich, zu ermitteln, wo der Kopf steckte. Endlich, als es noch 13 Minuten bis 10 waren, war ich so weit, daß ich mir das Hemd über den Kopf ziehen konnte. So glaubte ich wenigstens. Aber statt sich endlich zu ergeben und in folgsamen Falten sich meiner Gestalt anzuschmiegen, raffte sich das Hemd an meiner linken Schulter zu einer großen, häßlichen Verfaltung, einer Mobilmachung von Falten zusammen. Eine der kleinen Nadeln saß noch irgendwo fest, und ich mußte das Hemd über den Kopf wieder zurückziehen, um die Nadel zu suchen. Ich fand sie nicht. Mir riß die Geduld. Und das Hemd. In einem Anfall von Paroxismus schlüpfte ich hinein und stieß und zerrte so lang, bis kein Zipfel mehr daran ganz war außer Brust und Manschetten.
So langte ich keuchend bei der Hochzeitsgesellschaft an. Keiner merkte etwas. Ich dachte den ganzen Tag. Wenn du nur nicht von einem Auto überfahren wirst. Die Blamage, wenn sie dich auf der Polizeiwache auszögen und du im zerrissenen Hemd den Geist aufgeben müßiest. Erzählen Sie es nicht weiter, bitte.“
„Aber Herr Grimmberger!“