Es ist vielleicht heilsam, daß der Mensch zuweilen die Grippe bekommt und eine Zeitlang einsam auf dem Rücken liegen muß.
Auf dem Rücken liegen ist eine an spychologischen Begleiterscheinungen reiche Stellung.
Wen eine kräftige Grippe auf den Rücken gelegt hat, der sieht die Welt aus einer ganz andern Parallaxe an. Er steht nicht mehr in ihr und über ihr, sie steht über ihm. Und dabei greist das Schicksal unangenehm in seine Körperlichkeit hinein, in seinen Kopf, seine Nase, seinen Mund, seine Kehle, seinen Rachen, alles Stellen, an denen sich niemand gern anfassen läßt. Aber hier muß er es leiden, und er reagiert darauf griesgrämig mit Schnaufen, Krächzen, Husten und Niesen.
Einem, der von der Grippe auf den Rücken gelegt wurde, erscheinen zumal die Menschen in einem andern Sehwinkel. Nicht mehr wie sonst, als etwas „Anundfürsichenes“, sondern alle in direkter Beziehung zu ihm, der auf dem Rücken liegt.
Im normalen Zustande, wenn er aufrecht durch die Straßen geht, stellt er keine Beziehung zwischen den Menschen und sich her. Da geht einer, der ist Beamter, Ingenieur, Lokomotivführer, Rentner, Händler mit Hasenpelzen, Betbruder oder Freidenker, Mitglied der Sodalität oder des Einäscherungsvereins, Ehrenmann oder Spitzbube - er macht sich darüber von sich aus keine Gedanken. Er geht seinen Weg, sie gehen ihren.
Liegt er aber auf dem Rücken, so wird die Sache anders. Die andern alle gehen ihren Weg, aber er, er liegt auf dem Rücken am Wegesrand. Und alle, die da gehen, könnten über ihn wegschreiten, ihn zu schanden treten. Das ist es. Aus gleichgültigen Wesen werden sie für ihn, den Ausgeschalteten, vielleicht zur Gefahr, da sie aufrecht stehen und er auf dem Rücken liegt.
Darum stellt sich plötzlich von selbst die Beziehung her zwischen ihm und den andern. Er ist wie einer, der sich in der Wüste verlaufen hat und jedes Geräusch, jeden Punkt am Horizont darnach befragt, ob sie Freund sind oder Feind.
Von seinen Bekannten weiß er es. Er weiß, auf wen er sich in der Not verlassen könnte und auf wen nicht.
Aber jenseits des Kreises, der seine Bekannten einschließt, ist die anonyme Masse, von denen viele ihn kennen, die er nicht kennt. Auf welcher Stufe der Gesellschaftsleiter einer stehe, es sind immer soundsoviele, die ihn sehen, beobachten, beurteilen, von deren Dasein er keine Ahnung hat.
Auf diesen Besitz an anonymen Sympathien und Antipathien - denn auch Antipathien können ein positiver Besitz sein - bist du in gewöhnlichen Zeiten nicht neugierig.
Aber wenn du einsam, ausgeschaltet auf dem Rücken liegst, gehen deine Gedanken durchs Haus und kommen in Räume, in denen sie lange nicht waren, und verweilen bei Zusammenhängen, um die sie sich im Drang des Alltags nicht kümmerten.
Du wirkst ins Leben, wo du auch wirkest. In die Nähe oder Weite, darauf kommt es nicht an. Und dein Wirken macht dir Feinde und Freunde. Oft einen Freund und einen Feind zu gleicher Zeit. Manchmal darfst du stolz sein auf den Freund, manchmal stolzer auf den Feind.
Du möchtest wissen, wieviel Freunde und wieviel Feinde du dir in der anonymen Masse da draußen gemacht hast. Du hast unrecht, aber ich verstehe die Wißbegier. Dein Begräbnis wäre ein unpraktisches Mittel, dir darüber Gewißheit zu verschaffen. Es gibt ein anderes Mittel: bei den Wahlen zu kandidieren. Aber dann rate ich dir doch lieber zum Begräbnis.