Mit großem Interesse liest man in deutschen Blättern die Berichte über die große Berliner Polizeiausstellung. Man dürfte sich in der Stadt der Fassadenkletterer seit Jahren nicht so sicher vor Mord und Totschlag, Diebstahl und Raub gefühlt haben, wie jetzt, wo die Polizei den Nachweis fuhrt, daß sie zum Schutz der Bürger und ihres Eigentums alles getan hat, was die Situation erfordert und noch viel mehr. „Dir Birger, schloft nun all a Ro’!“ singt Dicks in seinem „Kadette vun der Spretz“, als hätte er die Berliner Ausstellung vorausgeahnt.
Die Geschichte der Polizei ist eine Geschichte des Krieges zwischen den Mächten der Ordnung - oder denen, die sich dafür hielten - und den andern, oder denen, die jene für die andern hielten. Man könnte es auch noch anders herumdrehen. In der Berliner Ausstellung sieht man z. B. einen mittelalterlichen Folterstuhl, den zur Zeit der hl. Johanna von Orleans die Mächte der Ordnung gegen die Mächte der Finsternis anwandten. Am nächsten Dienstag wird uns Vernard Shaw im Stadttheater davon überzeugen wollen, daß die Dinge umgekehrt lagen. Jedenfalls waren damals in der Polizei die Mächte, die mit Folterstühlen und Scheiterhaufen arbeiteten, die stärksten. Heute will es einen manchmal bedünken, als habe sich das Verhältnis der Kräfte verschoben.
Nun waren in diesem Krieg zwischen den beiden Mächtegruppen die einen immer darauf aus, gegen die andern neue und grausamere Kriegsmaschinen zu erfinden. Und zwar wurden sie nicht von oben nach unten erfunden. Gegen die Hexen bestand z. B. ein ganzes Arsenal von Ueberführungsmitteln, wie man sie nannte, wohingegen nicht nachweisbar ist, daß die Hexen irgend etwas erfunden gehabt hätten, ihre Peiniger auf den Esel zu setzen.
Mit der Zeit wurde man dann oben menschlicher und unten erfindungsreicher.
Die Kriegsmaschinen, die die Berliner Polizei heute massenhaft vorführt, tragen ein gemeinsames Merkmal: das Bestreben, die Spitzbuben menschlich zu behandeln.
Ich weiß nicht, ob man denselben Eindruck gewänne, wenn die Spitzbuben ihrerseits eine Ausstellung ihrer Kriegsmaschinen veranstalteten.
In der Reihe der neuesten Errungenschaften dieser vermenschlichten Polizei sind mir zwei besonders aufgefallen.
Die eine besteht aus einer Erfindung, die es ermöglicht, einen Verhafteten, der den Schutzleuten davonläuft, anzuhalten, ohne auf ihn zu schießen.
Die andere Erfindung bewirkt, daß ein Mann, auf den sie angewandt wird, nur gerade langsam im Schritt gehen, also nicht laufen und demgemäß auch nicht davonlaufen kann.
Ich dachte mir zuerst in meinem beschränkten Laienverstand, daß nach der ersten Erfindung die zweite überflüssig gewesen wäre. Wenn man unter allen Umständen einen Flüchtling bannen kann, so hat es ja nichts auf sich, wenn er davonläuft.
Aber die Polizei weiß besser, als wir Banausen, das Wort zu schätzen: doppelt hält besser.
Und da dachte ich mir zweitens: Wie wäre es, wenn sämtliche Armeen der zivilisierten und sogar der unzivilisierten Welt mit beiden Erfindungen ausgerüstet würden? Denken Sie sich zwei feindliche Heere, deren Soldaten grade nur im gewöhnlichen Spazierschritt sich fortbewegen könnten? Erstens: Wie froh wären die Soldaten, daß sie keine Eilmärsche mehr zu machen brauchten! Zweitens: Wie lange würde es dauern, bis die feindlichen Truppen aneinandergerieten! Und hätten sich in der Zwischenzeit die maßgebenden Stellen nicht anders besonnen! Würden sie sich die Sache nicht zwei- und dreimal überlegen? Drittens: Es hatte gar nicht mehr, wie bisher, die übeln Folgen, die es hatte, wenn einer sich vom Feind loslöste. Man könnte auf zwei Tagemärsche vom Gegner ruhig Kehrt machen, ohne zu befürchten, daß der in Eilmärschen nachrückende Verfolger einem die Fersen austräte.
Und das leidige Schießen, bei dem schon soviel Unheil passiert ist! Das wäre ganz und gar abgeschafft, Das Mittel, das die Berliner Polizei erfunden hat, würde genügen, einen in böser Absicht anrückenden Feind auf dem Fleck unschädlich zu machen.
Ich überweise diese kurzen Anregungen dem Völkerbund zur gefälligen Weiterverarbeitung.