Original

11. Januar 1927

Wir sprachen davon, wie man im Volk allmählich luxemburgisch zu lesen beginne Der eine erklärte es so, der andere so, bis einer, der schon lange mit ruhiger Leidenschaft den Run um unsere Heimatsprache wissenschaftlich bändigen will, erklärte: Wenn heute im ganzen Land luxemburgisch gelesen wird, so verdanken wir das dem „Gukuk“!

Ähnlich stand es schon hier. Und es schadet nichts, daß es wiederholt wird. Es klingt merkwürdig genug, aber es ist so: Das geschriebene Wort unserer Heimatsprache wird Gemeingut des Volkes durch ein Witzblatt.

Falsch! Nicht „ein Witzblatt“. „Das“ Witzblatt! Denn wir haben es endlich im „Gukuk“. „Das“ Witzblatt, wie wir es brauchen, damit es überallhin dringe.

Ich kann mir einen andern „Gukuk“ denken, einen frechen, einen unverschämten, einen bissigen und bösen und anrüchigen „Gukuk“. Auch der wäre zu begrüßen, wie Pfeffer und Salz und Ingwer und Sellerie.

Aber der „Gukuk“, den wir haben, ist das tägliche Brot unseres Humors, und darüber hinaus das Vehikel des Worts, das uns lange mit fremdem, verzerrtem Gesicht anblickte und uns dank dem „Gukuk“ immer vertrauter wird.

Dieser Frühlingsvogel mit weichem G - auch das ist schon luxemburgisch an ihm, - muß einem dadurch sympathisch sein, daß er sein Nest nicht auf dem Paradeplatz in Luxemburg, sondern irgendwo draußen im Land aufgeschlagen hat, wo es gut sein ist. Ungebunden. Nichts läßt darauf schließen, daß es ihm eines Tages nicht mehr da gefallen wird, wo er heute nistet. Aber es besteht die Fiktion seiner unbehinderten Freizügigkeit.

Wer den „Gukuk“ aufmerksam liest - und wer täte es nicht? - freut sich immer mehr an seiner Familienähnlichkeit mit allem, was die Züge unserer Rasse trägt. Hie und da steht unter den Witzen, die zwischen Schengen und Drei-Baracken gewachsen sind, ein anderer von jenseits Longwy oder Trier. Sie wirken unorganisch. Wie Geschäftsreisende. Eingebildet. Prätentiös. Mit Bügelfalten.

Aber die kleinen Geschichten von Broulli! Brotgeruch. Man ist zuhaus. Man weiß auf einmal wieder, wie alles heißt. Wörter klingen auf aus frühester Kindheit. Hageschier und Huergeschier! Die Ställe und Stuben, die Wiesen und Wälder beleben sich, und man sitzt mit am Tisch, die Petroleumlampe schaukelt und der Kochkäse duftet um die Wette mit der hausgemachten Zoßiß. Oder die gehauchten r der Grevenmacherer Geschichten fliegen lautlos herum und Pastor und Küster, Pätter und Gued und - - wie soll ich sagen: Ihr naht Euch wieder, schwankende Gestalten! Willkommen, Ihr seid von zuhaus, Ihr seid zuhaus an der Mosel und im Merscher Tal, in allen Tälern, die durch das Herz des Landes gehen, und im Ösling und bis an die Ro’mecht, wo das rote Haus dicht an der belgischen Grenze liegt, damit sie nicht weiter kann.

Und wenn der Jängi oder Pitti seiner Mutter von seinen ersten Schulerfahrungen erzählt und sagt, der Mann da, der immer kommt und sich in alles mischt - de steht mech neischt Gudds un - so ist das eben luxemburgisch und läßt sich nicht hin übersetzen, wie es sich nicht her übersetzen ließ.

Und der „Gukuk“ ist nicht giftig. Wenn er über dich lacht, kannst du ruhig mitlachen. Sogar aus dem Alkohol Politik hat er die bösen Fuselöle herausdestilliert, und wenn sein Zeichner Simon aus den Köpfen der Herren Landesvertreter zum Beispiel ein Weihnachtsorchester mit Gott in der Höhe und Christkindlein zusammensetzt, so zeigen es die Herren daheim ihren Frauen und Kindern und sind stolz, wenn die sie auf dem Bild erkennen.

Also lieber „Gukuk“, sing ruhig weiter, solang unser Frühling dauert.

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    Katalognummer BW-AK-015-3339