Original

12. Januar 1927

Früher, es ist schon eine Ewigkeit her, vor dem Krieg, als die Leute noch glaubten, sie gerieten in den Ruf des Pauperismus, wenn sie ein Festessen unter elf Gerichten gaben - also früher, als man noch von halb eins bis fünf Uhr essend bei Tisch saß, vom Kaviar bis zum Schnepfendreck, da wußte jeder Kulturmensch, was ein Sorbet sei. Ein Sorbet war ein Pokal mit eisgekühlten Früchten, der in der Mitte der Speisenfolge gereicht wurde, damit sich die müden, überhitzten Gaumen erholten und zu neuen Taten kräftigten.

Wir haben unsere Genüsse heutzutage mehr auf das Geistige abgestimmt, und in dem Moment, lieber Leser, wo Du dies zu Gesicht bekommst, stehen wir am Beginn eines geistigen Festessens, von dem wir noch lange zehren werden. Die erste grosse pièce haben wir hinter uns: Den ganzen Original-Hamlet in 20 Bildern. Seit Wochen und Monaten hatten wir uns darauf gefreut, wie wir uns seit Wochen und Monaten auf die St. Joan of Are gefreut hatten. Und kaum hat uns Pitoëff verlassen, so zieht Karsenty ein.

Aber inmitten dieser künstlerischen Schwelgerei begrüßen wir ein erfrischendes Sorbet. Es ist nur ein deutscher Schwank, nur die lustige „Pension Schöller“, die der Verein „Luxemburger Volksbühne“ seinen Mitgliedern zulieb sich gesichert hat und die am 13., am Donnerstag Abend im Pole Nord über die Bretter brausen wird, da, wie Figura zeigt, das Stadttheater nicht zu haben war. (Auch für Nichtmitglieder.)

Ernste künstlerische Kost, alle Achtung! Lendenbraten und Schinken nach Burgunder Art und Rehkeule und Kasseler Rippenspeer und Hummer in Mayonnaise und noch andere schwere Sachen, à la bonne heure! Aber es kommt die Zeit, wo eine Abwechslung willkommen ist, es kommt die Zeit des Sorbets. Und wie ein Sorbet, so werden die Theatergäste im Pole Nord morgen, Donnerstag Abend, die „Pension Schöller“ schlürfen.

Besonders angehenden Bühnenschriftstellern sei der Besuch des Stückes empfohlen.

Sie werden dabei etwas lernen. Sie können schon, wenn sie Grütze haben - und Bühnenschriftsteller haben von Haus aus Grütze - etwas aus dem Titel lernen. Darauf steht nämlich, daß das Stück nach einer Idee von einem Herrn Jacoby gebaut ist. Also, damit Herr Laufs ein Stück namens „Pension Schöller“ schreiben konnte, mußte Herr Jacoby dazu die Idee haben.

Die Idee war diese: Ein Mann aus der Provinz kommt zu Bekannten in die Großstadt und möchte eine Irrenanstalt sehen. Sie führen ihn in eine Pension, wo er dann natürlich alle Insassen für harmlos verrückt hält. Später, da er wieder zuhaus ist, besuchen ihn alle eines nach dem andern in seinem trauten Heim, und er hält sie immer noch für verrückt, diesmal nicht immer harmlos.

Das war die Keimzelle, aus der sich durch fortwährende Teilung immer neue Zellen entwickelten, bis daraus ein Stück wurde, ein vorzüglicher Schwank, über den sich herzhaft lachen läßt.

Herr Laufs weiß, was eine solche Keimzelle im Werden eines Bühnenwerkes bedeutet. Darum setzt er Herrn Jacoby mit aufs Titelblatt.

Wir sind darin schon weiter. Wir pumpen bei andern nicht nur die Keimzelle, sondern oft ganze Stücke und treiben die Distretion nachher so weit, daß wir ganz allein die Verantwortung für das Stück übernehmen und die Namen der andern tota! verschweigen, wahrscheinlich um ihnen keine Unannehmlichkeiten beim Publikum zu bereiten.

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    Katalognummer BW-AK-015-3340