Original

13. Januar 1927

Ich bemühe ihn in den letzten Tagen ein bißchen oft. Aber: Wo die Not am größten, ist er am nächsten Freund Grimmberger nämlich.

Ich wußte wirklich gar nicht mehr, worüber ich nun noch schreiben sollte. Ich kam mir vor, wie eine leere Flasche. Ich mache damit keine Andeutung über deren ausgelaufenen Inhalt, ich denke nur daran, wie man aus einer leeren Flasche, wenn sie wirklich ganz leer ist, immer noch ein paar Tropfen herauslocken kann. Mit einem Strohhalm. Altes Salonkunststück Aber nach dem Strohhalm ist sie dann wirklich ganz leer.

So leer kam ich mir vor. In meiner befleckten Phantasie regte sich die Vorstellung einer Reise nach Amerika oder nach dem Nordpol, oder nach Esch. Von Esch bringt man immer ein paar gute Ideen mit, wenn man einmal die gute Idee hatte, hinzufahren. Aber dazu war es jetzt zu spät. Es war eine Frage von Minuten.

Ausgerechnet in diesem Augenblick schießt ein Junge mit angstvoll aufgerissenen Augen um die Ecke, und hinter ihm, mit geschwungenem Spazierstock, Herr Grimmberger.

Ich hörte etwas von Teufelholen und Hals- und Beinbruch. Dann landete er schnaufend in meinen Armen.

„Unerhört - - - so’n Bengel - - - kratzt mir nichts dir nichts - - mit den Fingernägeln - - die Schale von der Orange - - -“

„Aber Herr Grimmberger, er wollte wahrscheinlich seine Orange nicht mit der Schale essen.“

Durchdringend, durchbohrend sah er mich an und sagte, schon wieder gefaßt:

„Ihre faden Witze haben Sie berühmt gemacht. Er mochte meinetwegen seine Orange mit der dicken Zehe schäln, aber er durfte die Schalen nicht aufs Trottoir schmeißen. Es fehlte nicht viel, so hätte ich über dies Stückchen Schale - er schwang es als Überführungsstück hoch - Hals und Bein brechen können!“

Herr Grimmberger erzählte mir sodann in einem Atem fünf Geschichten von Leuten seiner Bekanntschaft, die auf Orangeschalen ausgeglitten waren und mehr oder weniger Arme bezw. Beine gebrochen hatten. Dann wetterte er gegen die Polizei, die sich großtuerisch mit weißen Knüppeln an den Straßenkreuzungen aufstelle, um Verkehrsstockungen zu organifieren, aber ruhig zusehe, wie die Trottoirs mit heimtückischen Orangeschalen übersät werden. Und höher zielend sprach er von der Regierung, die ihre elementarsten Pflichten gegen die Bürger vernachlässige. Ich fiel ihm ins Wort und meinte, die Regierungen der ganzen Welt seien selber äußerst mißtrauisch gegen alle Orangeschalen, auf denen sie gelegentlich ausgleiten und zu Fall kommen könnten. Er hatte dafür nur ein verständnisloses Brummen. Aber dann ging ich meinerseits zur Offenfive über.

„Sie, Herr Grimmberger!“ fuhr ich ihn derart aggressiv an, daß er einen Schritt zurückwich. „Sie und alle die andern, die immer über Orangeschalen schimpfen, machen Sie sich bitte einmal klar, daß die Orangeschalen sich doch wahrhaftig nicht zu ihrem Vergnügen auf unsere schlüpfrigen, klebrigen, dreckigen Trottoirs hinlegen und warten, bis einer auf sie tritt! Meinen Sie nicht, sie wären viel lieber in ihrem schönen Süden geblieben, Sie wissen ja, Herr Grimmberger? „Im goldnen Laub die Goldorangen glüh’n.“ Was muß sich so ’ne Orangeschale denken, die an einem trüben Wintertag hier in Luxemburg irgendwo im Dreck oder Staub liegt, und sterbend von ihren Kindertagen träumt, wo sie erst in weißem Blütenbettchen schlummerte und dann leise im Sonnenlicht schwoll, wo sie sich voll des bittersüßen Duftes sog, den sie jetzt in den Schmutz hauchen muß, wo blauer Himmel über ihr und Fächeln von Frühlingslüften um sie waren, wo Schmetterlinge sie umgaukelten und abends im Mondenschein Verliebte unter ihr lustwandelten und sich auf italienisch die süßen Dummheiten sagten, unter denen Verliebte ihre Verliebtheit verstecken, bis es ganz dunkel wird. Was meinen Sie wohl, was eine Orangeschale für Wert darauf legt, von Ihnen platt getreten zu werden! Sie wäre viel lieber zuhaus geblieben, alle gebrochenen Beine der Welt können sie nicht glücklich machen, wo sie in Staub und Dreck umkommen muß!“

„Das sieht Ihnen ähnlich!“ sagte er mit verächtlichem Achselzucken und schob von dannen.

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    Katalognummer BW-AK-015-3341