Original

14. Januar 1927

Ein freundlicher Leser stellt mir ein köstliches altes Buch zur Verfügung. Es heißt: Gebrauch und Mißbrauch geistiger Getränke, oder Wein und Branntwein im Mittelalter und in unserer Zeit. - Nach Urkunden bearbeitet von J. Kalbersch, Pastor zu Erpeldingen.

Unsere Winzer täten wohl, eine Neuauflage dieses Werkes zu betreiben, denn nie hat ein Schriftsteller so warm die Verteidigung ihrer Interessen in die Hand genommen, wie Herr Pastor Kalbersch. Sein Buch ist voll von wertvollen Aufschlüssen über die Kulturverhältnisse in unserm Ländchen vor 70-100 Jahren. Meine Leser werden mir für eine Stilprobe daraus dankbar sein.

Auf Seite 404 schreibt Hochwürden Kalbersch in einem Kapitel mit der Überschrift: „Was ist zu thun?“:

„Wollte nun aber unsere Luxemburger Regierung, daß wir unser Brod, unsere Grundbirnen und unser Obst wieder, wie unsere Voreltern, auf eine natürliche Art essen, und nicht mehr widernatürlich trinken: Unsere Nachbarn an der Uhr schicken uns jetzt schon jährlich 375,000 Quart ihres allerreinsten Dr., (Dr. heißt hier nicht Doktor, sondern Dreck) sie würden uns, wenn wir aufhörten zu distilliren und fortführen zu trinken, vollkommen mit ihrem Dr. ertränken. Dem können unsere Gesetze dadurch vorbauen, weil heute der Regierung das Recht zuerkannt ist, sich um die Wirthshäuser zu bekümmern, daß den Wirthen verboten wird, Branntwein zu verzappen.

Was sollen denn unsere Leute trinken, wenn der Branntwein verboten wird in den Wirtshäusern?

Sie sollen wieder Wein trinken, wie vor Alters, aber zuvor für das Brod sorgen.

Eben dadurch wird ein Uebelstand gebessert, der heute den Herren und dem Volke unseres Landes nur zur Schande gereicht.

Der Weinbau ist in unserem Lande so alt, wie der Waizenbau, zu Erpeldingen, nach allem Anscheine, so gar älter.

Jetzt stehen die Nachkommen der alten Weinbauern an den schönen Ufern unserer Mosel, der sterbende Rest der fleißigen Winzer der Irminen an den trauernden Ufern der Uhr und Sauer, heiser vor Hunger und aus Brodmangel entkräftet, rufen sie: Ihr Herren von Clerf und von Wiltz, ihr Herren von Remich und von Grevenmacher! Wir lassen unseren Wein 20 Centime den Liter! Nein, wir trinken Wein von der Saar und vom Rhein. Erinnert euch, ihr Herren, unsere Vorfahren, zuweilen mit ihren Herren an einem Tische sitzend, haben mit ihnen von unserem Landeswein und Brod gegessen und getrunken, wie unsere Weisthümer weisen? Das thut nichts. Andere Zeiten, andere Sitten: Wir trinken Saar, Rhein, Bordeau, Champagne. Nun dann, ihr Nachbarn auf den Bergen der Mosel, der Uhr und Sauer, ihr Mannen aus den hehen Ardennen! Wir lassen euch den Wein unseres Landes für 15 Centime den Liter? Nein! wir trinken Branntwein! Um Gotteswillen! Wir lassen euch unseren Wein, ganz unverfälscht, für 10 Centime den Liter? Nein! wir trinken Branntwein! Wir lassen euch unsern Wein für 6 Centime den Liter, so nämlich zu Vianden, im Anfange des Herbstes 1853. Die Ohm für 10 Fr.

Also zu 6 Centime den Liter?

Nein! Wir trinken Branntwein!

So steht es heute: Unsere ärmeren Weinbauern sterben buchstäblich vor Hunger. Und unsere geringeren Klassen vergiften sich buchstäblich mit dem elendigen Kartosselsaft. Dieses verpestende Kartoffelsaft bezahlen sie den Liter mit 150 bis 200 Centimen.

Also verbietet den Wirthen Branntwein zu verzappen.

Ein junges Zeugniß für den schweren Nothstand unserer Weinbauern steht im „Luxemburger Wort“, Nr. 45, Jahr 1854, wo ein Moseler traurigen aber doch höflichen Abschied von seinem „lieben Vaterland“ nimmt, um mit vielen Hunderten unserer Landsleute nach Amerika zu wandern. Er sagt, die nährende Quelle des Luxemburger Landes sei für viele vertrocknet. „Liebes Vaterland, du gibst uns nur Galle „und vergiftete Geschenken .... Wasser und Wein „haben wir genug an der Mosel, aber wir leiden „Mangel an Brod und wir stehen auf dem Punkte, „vor Hunger verschmachten zu müssen.“ Er bittet sein Vaterland, seinen hungrigen Brüdern an der Mosel eine helfende Hand zu reichen.

Daß unser auswandernder Mitbürger recht klagt, weiß Jeder. Noch in demselben Monat erinnert eine andere Luxemburger Zeitung, der „Courrier“, an die drückende Noth derselben armen Weinbauern, und legt das demüthigende Geständniß ab, daß von Seiten des Landes nicht genug geschehe, um ihnen zu helfen. (Unter uns gesagt, es geschieht nur zuviel, um sie zu verderben.)

Klagen ist eine der sieben Alltagssünden. Aber wie, wodurch helfen? Die Antwort ist leicht: Die Ursache der Noth an der Mosel aufsuchen und wegräumen. Der Weinbau ist eine Hauptnahrungsquelle der Moseler. Wird der Weinbau, also auch das Weintrinken befördert, dann und nur dann wird der Mosel geholfen. Um aber den Weinbau zu trösten und das Weintrinken wieder einzuführen, muß der Branntwein verdammt und vertilgt werden. Vor der Hand muß diese allgemeine Landespestilenz in allen Wirthshäusern verboten werden.

Aber hier sollen die Moseler mit dem Beispiel uns vorangehen. Der Meyer von Remich, der Richter von Grevenmacher sollen, mit einem Fuße auf dem französischen, mit dem andern auf dem Luxemburger Ufer ihrer Mosel stehend, einen Fluch über den verdammlichen Branntwein donnern, so schreckbar, daß die Berge erzittern, die Fische erbeben und die Böden in sämmtlichen Branntweinsfässern zersplittern. Dann sollen sie die in den Cabarets verschwendeten Werktagsstunden der fleißigeren Pflege ihrer Weingärten zuwenden, damit ihr Wein uns den Mund nicht mehr verdrehe, wie ein Oeßlinger Essigapfel. Geschieht das und der Branntwein ist vergessen, dann werden wir wieder, wie von Alters, herzlich froh mit einander Moseler trinken und dazu Brod und Fleisch essen. Ist der Branntwein vergessen, dann werden unsere Luxemburger Brüder ihr Vaterland nicht mehr wie ein Paar alter Schuhlappen spöttisch verlassen, oder wie unser Auswanderer in seinem Abschied sagt, als vergiftetes Geschenk wegwerfen.“

So, nun wißt Ihr, was Ihr zu tun habt!

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    Katalognummer BW-AK-015-3342