Original

15. Januar 1927

Das fieberhafte Bestreben des Nachkriegsdeutschlands, sich wieder in die internationale Völkerkameradschaft einzuschalten und durch Friedenstüchtigkeit zu imponieren, wie es durch Kriegstüchtigkeit imponiert hatte, zeitigt wieder ein neues, großzügiges Unternehmen: Die internationale Presse-Ausstellung in Köln 1928.

Man darf darauf gefaßt sein, wenn der Mund der Welt einmal von sich selber reden will, so hat er was zu sagen.

Ein Blick in den Prospekt, der eine Übersicht über das Programm der Ausstellung gibt, hinterläßt den Eindruck, daß die sprichwörtlich gewordene deutsche Organisationskunst hier Triumphe feiert. Wenn Du diese Einteilungen und Untereinteilungen gelesen hast, hältst Du die Veranstaltung einer solchen Ausstellung für die einfachste Sache der Welt. Wenn man Dir das nötige Kleingeld zur Verfügung stellt, machst Du Dich anheischig, die Sache glatt zu schieben, nach Schema F., eins, zwei, drei, fertig ist die Laube.

Also dürfen wir uns darauf verlassen, daß es die Kölner auch schaffen werden.

Allerlei fällt einem bei diesem ersten geistigen Spaziergang durch die künftige Ausstellung auf. Da steht zum Beispiel unter der Rubrik: Die geschichtliche Entwicklung der Tageszeitung Folgendes: Die Entwicklung der nicht parteilich gebundenen Presse zu politischen Tageszeitungen bestimmter Richtungen.

Für unsere Verhältnisse ist das sehr interessant. Eine politische Tageszeitung bestimmter Richtung braucht also nicht parteilich gebunden zu sein. Das heißt: Eine bestimmte politische Richtung braucht nicht im Bienenkorb einer Partei eingefangen zu sein, um Daseinsberechtigung zu haben und auf die Gestaltung des Gemeinschicksals Einfluß auszuüben. Es kann sein, daß durch Abneigung gegen organische Gebundenheit und gegen Parteizwang die Anhänger einer bestimmten politischen Richtung dem Anschein nach ins Hintertreffen geraten, im parlamentarischen Leben kaum noch eine Rolle spielen, und doch vielleicht, wenn es auf allgemeine Marschrichtung ankommt, die Majorität hinter sich haben. Es fragt sich eben nur, ob der Grundstock ihrer Prinzipien Bestand hat, ob er tiefer wurzelt, als die politische Tagesmode. Nicht die Parteien sind die Hauptsache, sondern die Prinzipien. Durch die Partei kommt zu dem Begriff Prinzipien der Begriff Sonderinteressen, persönliche Interessen hinzu. Die Prinzipien sind übermenschlich und unwandelbar; die Parteien sollten der Schrein der Prinzipien sein, sie sind es nicht immer. Und oft, wenn sie es nicht mehr sind, ist es noch die Presse. Weil sie nicht die Rücksichten zu nehmen hat, die die Partei nehmen muß.

Eine andere Zeile, die Anregungen birgt, ist diese: Die kulturelle Bedeutung des Anzeigenteils (als Ausdruck des Zeitcharakters, als Beschleuniger des Warenumsatzes, als Chronist). Haben Sie schon daran gedacht, daß man aus dem Anzeigenteil einer Zeitung ein Kulturbild der Epoche herausdestillieren kann? Wenn hinter der Anzeige aus den 1850er Jahren der Biedermeier steht, Gehrock, Steghosen, lange Pfeife, Schubertkrawatte, Zylinder, der Gründer der Firma, der Prototyp des Patrizier-Kaufmanns à la Freytag und Fontane und Thomas Mann, so sieht man sofort hinter der Annonce von heute den Enkel, der, mit allen Hunden der Konkurrenz gehetzt, richtige Feldberrnbegabung einsetzen muß, um oben zu bleiben. Dieser malerische Teil der Anzeigenseiten wird nie gewürdigt, man darf neugierig sein, wie er in Köln herauskommen wird.

„Die ausländischen Staaten - heißt es im Prospekt - sind aufgefordert, sich in geschlossenen Sondergruppen zu beteiligen. Dadurch ist Gelegenheit gegeben, daß jedes Land eine anschauliche Gesamtdarstellung seines Pressewesens geben und seinen besondern Charakter gebührend herausarbeiten kann.“

Nie war uns Luxemburgern eine so wundervolle Gelegenheit geboten, „unsern besondern Charakter gebührend herauszuarbeiten“, an einer weithin sichtbaren und ansehnlichen Stelle unsere Visitkarte als selbständiges, eigenartiges und in seiner Eigenart lebensfähiges Volksganze abzugeben. Hier erwächst unserm jungen Presseverein eine verlockende Aufgabe. Die Geschichte unserer Presse ist interessant, mindestens so interessant, wie die eines europäischen Großstaates, weil die Mischung und Schichtung der nationalen Materie so ganz besonderer Art ist. Der Entwicklung unserer Presse und ihres gegenwärtigen Standes brauchen wir uns ebenfalls nicht zu schämen. Und vielleicht wäre da auch eine Gelegenheit, unsere Nachbarn wieder einmal daran zu erinnern - oder es ihnen zu sagen, wenn sie es noch nicht wissen, - daß unsere Presse, nach Meinungen gespalten, immer einig ist, den unbestrittenen, unbezweifelbaren, festen Willen des luxemburger Volkes zu verkünden: daß es bleiben will, was es ist!

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    Katalognummer BW-AK-015-3343