Original

16. Januar 1927

Eines Tages gelangte an unsere Redaktion eine Sendung Manuskripte. Allerhand kleine Geschichten. Rubrik: Feuilleton. Der Herr Feuilletonredakteur war auf dem Sprung, in die Ferien zu fahren. Er ließ die Sendung retour gehen und schrieb dazu: Sehr geehrtes Fräulein! (Denn sie war es.) Damit Sie nicht Wochen lang in dem Wahn leben, Ihre Geschichten werden eben geprüft, schicke ich sie Ihnen mit wendender Post zurück da ich binnen drei Minuten meinen Urlaub antrete. Sollten Sie über sechs Wochen immer noch der Überzeugung sein, daß unser Blatt Ihnen als Eingangstor zur Unsterblichkeit dienen kann, so werde ich alsdann gerne Ihrer Muse näher, wenn auch nicht zu nahe treten.

Sechs Wochen später, auf den Tag, gingen beim Herrn Feuilletonredakteur dieselben Manuskripte wieder ein. Er prüfte sie, ohne Voreingenommenheit, mit einem Seitenblick links neben den Schreibtisch, wo der Papierkorb steht. Als er die erste Geschichte gelesen hatte, schämte er sich heimlich des Seitenblicks. Als er alle Geschichten gelesen hatte, schrieb er an die Einsenderin:

„Sehr geehrtes Fräulein! Ihre kleinen Geschichten sind so gut, daß wir sie mit Freuden abdrucken werden, sobald Sie uns Ihr Ehrenwort geben, daß sie wirklich von Ihnen sind.“

Andern Tags kam das sehr verehrte Fräulein auf die Redaktion und lachte und gab uns ihr Ehrenwort, daß die Geschichten wirklich von ihr, Marje Henriette Steil, erfunden und ausgedacht und eigenhändig niedergeschrieben waren, rien dans les mains, rien dans les manches, wie die Zauberkünstler mit aufgekrämpten Hemdärmeln versichern.

Eigentlich könnten nun sämtliche Luxemburgerinnen von uns verlangen, daß wir ihnen Abbitte leisten, weil wir durch unsern Verdacht bewiesen hätten, daß wir ihnen in literarischen Dingen nichts zutrauen.

Was soll man da sagen! Die Geschichten von Marie Henriette Steil waren eben so, daß sie allem andern, was man von weiblichem - und auch männlichem Schrifttum dieser Art aus luxemburgischer Psyche kannte, nicht glichen. Wenn man näher hinsieht, verraten sie ja ihren luxemburger Ursprung in einzelnen Wendungen - „den andern Tag“ oder „Kommst du heute nicht“ (statt: nicht heute) - aber die grade Linie, das Fertige, Klare, Unbackfischmäßige in ihnen, das war es, was sie von andern Stilproben nationalen Gepräges unterschied.

Diese und andre Geschichten sind nun im Xenienverlag, Leipzig, unter dem Titel „Tier und Mensch, harmlose Geschichten von Marie Henriette Steil“ erschienen.

Es sei gleich bemerkt - damit sich etwaige Kauflustige nicht abschrecken lassen - daß das über 100 Seiten starke Buch, mit Illustrationen von Gust. Tremont, nicht 100, nicht 80, nicht 60, nicht 40 Franc kostet, sondern ganz genau nur 4 Mark.

Und um gleich von Tremont’s Tierbildern zu sprechen: Schon sie allein, seine Affen, Dackel, Seepserdchen, Raben, Flußpferde, Hähne u. a. m. sind es wert, daß jeder Freund heimischer Kunst dies Buch erwirbt, um sich immer wieder daran zu freuen.

Und so wie Tremont’s Gust Tag für Tag in Paris mit seinem Skizzenbuch oder seiner Staffelei im Pariser Zoologischen vor den Affen-, Tiger-, Lowenkäfigen sitzt und seinen vierbeinigen Freunden jeden Ausdruck, jede Bewegung gierig und genietzerisch abguckt, so sitzt Marie Henriette Steil in der Menagerie, des Lebens und guckt ihren Zeitgenossen jede Seelenregung ab, ob sie Hund oder Pferd, Hahn oder Tiger, Mann oder Frau, Großvater oder Enkel sind.

Merkwürdig, daß man, wenn man die Vorzüge dieser Geschichten betonen will, zu allererst das Bedürfnis empfindet, zu sagen, was sie nicht sind. Sie sind nicht schwulstig, nicht prätentiös, nicht grell, nicht fahrig, nicht aufdringlich .... unsere Jungen müssen die letzten Jahre über wirklich arg gesündigt haben, da man vor diesen harmlosen Geschichten das Fehlen aller jener Sünden als eine Erlösung empfindet.

Nicht daß die harmlosen Geschichten keine positiven Tugenden hätten. Aber sie sind, wie gut angezogene Frauen. Sie fallen höchstens dadurch auf, daß sie nicht auffallen. Sie haben zunächst Humor: „Das Lachen des Herzens“, wie im letzten „Gukuk“ steht. Siehe „Onkel Toms Tagebuch“. Sie haben ein schönes, unaufdringliches Mitleid mit den ganz Armen und ganz Kleinen. Siehe „Der Schandfleck“. Oder siehe „Liß“. „Liß“ ist mir übrigens die Perle der Sammlung. Da stehen frühmorgens die Mülleimer in der Straße Spalier, und „die Hunde unterhalten sich über die Mülleimer, wie wir über die Politik,“ und oben auf einem Mülleimer liegt ein angebissenes Batterbrot, das der Fuhrmann seinem alten Gaul mit inniger Geberfreude hinbrockt. Ich habe Fräulein Marie Henriette Steil im Verdacht, daß sie das Butterbrot selbst auf den Mülleimer gelegt und sich versteckt hatte, um sich an der Freude der beiden Alten mitzufreuen.

Ihre Geschichten sind konstruiert, sie haben Pointen, sie sind voller Unmittelbarkeit, was darin märchenhaft ist, zehrt nicht von Grimm und Andersen, es hängt immer eng mit Wirklichkeit zusammen. Siehe das Märchen vom Regenwurm. Und übrigens, lies selber. Ob und warum Dir dies oder das daran gefällt, findest Du dann am sichersten selber heraus.

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    Katalognummer BW-AK-015-3344