Walter Colling, der als Uriel Acosta, als Quitzow, als Hamlet, als Wilhelm Teil, als Götz von Berlichingen usw. usw. Triumphe gefeiert hat, starb als Unterbibliothekar der Luxemburger Landesbibliothek. Der Zwiespalt in seinem Wesen war nicht nur vertikal, er wurde auch horizontal.
Davon später. Walter Colling ist es wert, daß über ihn etwas mehr gesagt wird, als die paar Zeilen eines obligaten Nachrufs.
Schon weil er der Erste und bis jetzt Einzige aus unserm engen Kulturkreis war, der die ungebahnten Wege nach dem höheren Schauspielerberuf aller Unbill zum Trotz mit Erfolg gegangen ist.
Es gehörte dazu mehr, als Talent, es gehörte dazu ein sittlicher Mut, der Berge versetzen mußte.
Walter Colling war ein starker Vauernsproß. Aus seiner äußeren Umwelt konnte er den Anstoß zu seiner Mimen-Laufbahn nicht haben. Wo er aufwuchs, da war Theater eine Begleiterscheinung von Schobermeß und Zirkus. Er hat oft mit komischem Pathos erzählt, wie in seinem ersten Urlaub ein Nachbarbauer in Hamm ihn fragte, wieviel Pferde sie denn in ihrer Bude beschäftigten.
Damals hieß er noch Collings Jämp. Mit solchem Vornamen durfte er natürlich kein Theaterplakat verunzieren, und so nannte er sich Walter, dem Gleichklang mit Walter Stolzing aus den „Meistersingern“ zulieb.
Aber so glatt, wie das hier aussieht, gelangte er nicht auf die Bühne. Dunkel erinnere ich mich aus jener Zeit, daß Colling mit Julio Bruta und einem dritten - war es nicht Paul Crespin? - in einem Hüttenwerk irgendwo hinter Esch, wahrscheinlich Villerupt, eine kurze Castrolle als Chemiker gab. Keiner von den dreien kannte auch nur die chemische Formel des Wassers, aber ein luxemburger Betriebschef, der es später sehr weit gebracht hat, nahm sie unter seine Fittiche und ermöglichte es, durch alle Fährnisse hindurch, daß sie als Hilfschemiker wenigstens Kost und Logis verdienten. Julio Brouta, der seit Jahrzehnten als Vertreter erster deutscher, englischer und anderer Blätter in Madrid lebt, erzählt gelegentlich haarsträubende Geschichten aus der Chemikerzeit des Kleeblatts.
Damals - um 1886 - erschien von dem zwanzigjährigen Walter Colling, der noch J. P. Colling zeichnete, ein Band Gedichte. Sie sind für die Zeit und im Verhältnis nicht besser und nicht schlechter, als was seine Landsleute als Zwanzig- und Mehrjährige später auf hochdeutsch drucken ließen. Ein Sonett „an J. B.“ ist an den genannten Julio Brouta gerichtet: „Ich seh dich segeln schon mit raschen Winden - Dann einsam wandeln auf verfallnen Stegen - Dein müdes Haupt auf heißen Sand hinlegen - Wo Schlangen sich um dürre Palmen winden.“ - Es ging nämlich schon damals die Rede davon, daß Julio Brouta nach dem Süden gehen sollte.
Colling stand, wie wir alle in jenen Übergangsjahren, unter dem Einfluß Heine’s, Byron’s, de Müsset’s, Herwegh’s, Oskar von Redwitz’, Freyligrath’s, mit Schiller im Hintergrund, und reichlichem Weltschmerz. „Wenn auch die dunkeln Jugendlocken - Das Haupt mir schmücken noch zur Stunde, - So ist die Jugend doch geschwunden, - Und meine Brust trägt manche Wunde“ - - „Mein einzig Gut ist meine Harfe - Ihr will, ihr kann ich nicht entsagen.“
Wenn Ihr ihn sehen könntet, wie ihn Franz Seimetz damals gemalt hat, Ihr würdet ihm unbedingt glauben. Die dunkeln Jugendlocken sind da, im Überfluß, die dunkeln Augen leuchten in einem offenen, vertrauensvollen Knabengesicht - das Gesicht, das sich nie zu tragischer Düsterheit bequemen wollte, grade wie die Stimme sich nie zum packenden Donnergegroll oder schmeichelnden Bariton des Tragöden vertiefen konnte.
Aber das hätte nicht genügt, ihn von den Brettern, aus den Lorbeerhainen der Kunst in die Beschränkung eines gut bürgerlichen Berufs zu scheuchen. Er war über Weimar, wo er u. a. mit Gabriele Reuter befreundet war, nach Heidelberg, Metz und in andere gute Engagements gelangt. Es war nicht die Not, die ihn vertrieb. Es war vielmehr jener Zwiespalt, von dem oben die Rede ging.
Walter Colling hatte einen angeborenen Greuel vor der Boheme. Er sehnte sich immer nach der Himmelstochter Ordnung. Der Bauernsproß in ihm war ein Zwiefaches an Kraft: der himmelstürmende Drang nach Umarmung, der Zug ins Revolutionäre, die Lust zum Dreinschlagen, Jauchzen, Erringen, Genießen - und die starke Seßhaftigkeit, die Lust am sichern Besitz, das Bedürfnis nach Ordnung, die Gier nach Gerechtigkeit. Er wäre gegebenenfalls ein Ordnungsfanatiker des Umsturzes gewesen. Er hätte gerufen: „In tyrannos! Drauf Jungens, haut se auf ’n Deetz! Aber mit System, wenn ich bitten darf!“
Sein himmelstürmender Überschwang hatte sich im Hüter unseres nationalen Bücher- und Handschriftenschatzes zu gutmütigem Pathos eingedickt, das Wallen seiner Fahnenideale verebbte in den feierlichen Schößen seines Gehrocks. Ab und zu nur manövrierte er einen guten Freund in eine Ecke und erklärte ihm zähnefletschend und blitzenden Auges, daß er bei Gott also dem Kerl den Hals umdrehen werde!
Wenn man die Freunde Collings reihum fragte, welches Epitheton sie für ihn am passendsten finden, welches ihres Erachtens am besten sein Wesen, zumal der letzten Zeit, kennzeichnet, ich glaube, sie sagten einstimmig: „Brav!“ Das heißt: Durch und durch ehrlich, gerecht, pflichttreu.
In seinem Nachlaß finden sich sicher viele Zeitungsausschnitte mit Lobsprüchen auf den Künstler Colling.
Als Mensch kann ihm kein schönerer gespendet werden, als dieser:
Es lag auf seinen Schultern nie eine Pflicht, die er nicht treu und ehrlich und nach bestem Können bis zum Ende erfüllt hätte!