Ein sehr geschätzter Mitarbeiter schickte uns kürzlich, anknüpfend an die Hamlet-Aufführung durch Pitoeff, eine philosophische Abhandlung über diese Tragödie. Er analysierte den Charakter Hamlets, wie er ihn versteht, und verbreitete sich über die Tragik, die in dem Zustand des Müssens und Nichtkönnens gegeben ist: Selbstverbrennung, Vernichtung durch gegenseitige Aufhebung der Kräfte.
Mit den Begriffen Müssen und Können und ihrer einseitigen Verneinung läßt sich dreierlei kombinieren: 1) Müssen und können zugleich; 2) Müssen und nicht können; 3) Können und nicht müssen.
Wo müssen und können sich decken, ist der Zustand absoluter Harmonie gegeben. Eins fügt sich ins andre, es gibt keine Zerrung, kein Defizit der Kräfte, kein Rest, die Rechnung geht glatt auf. Pflicht und Vermögen fließen in eins, keines hebt das andre auf, keines läßt das andre im Stich, es ist kein gegenseitiges Aufheben, sondern ein Ergänzen, nicht Substraktion, sondern Multiplikation. Resultat: Der Zustand, der gemeinhin als das Glück bezeichnet wird, das gute, brave, alltägliche Glück, darauf sich’s leben läßt, wie auf den Zinsen mündelsicherer Papiere.
Nun kommt die perfideste Kombinierung: Können und nicht müssen.
Das ist das Padua der Kräfte, das ist die tückische Tragik, die da ist, wie ein schleichendes Gift.
Nichts schöner, kraftgenialer, als das Könnenund- nichtmüssen, das im großen ganzen den Zustand der Boheme darstellt.
Es ist so schön, daß alle Faulenzer, alle Nichtskönner, alle Bummler ohne Talent, alle Verantwortungsscheuen, alle Eitlen des Geistes diesen Zustand vortäuschen wollen. „Wir könnten, wenn wir wollten, aber wir wollen nicht, weil wir nicht müssen.“
Nicht groß, nicht schöpferisch sein wollen, weil man es nicht muß, trotzdem man es könnte, das rückt einen in die Reihen der verbummelten Genies, und man gilt doch lieber als maßloser Verschwender, nicht wahr, als daß man von den Leuten sich als armer Schlucker bedauern läßt. Ich habe einen jungen Mann gekannt, der ein Riesenvermögen in Grundwerten geerbt hatte. Er ließ seine Äcker verwildern und seine Häuser von Mietern verwohnen, von denen er keinen Heller einzog. Dafür pumpte er seine Freunde an und prellte Zech. Er war überzeugt, daß er den Leuten sympathischer war, als wenn er aus seinem Grund und Boden den letzten Pfennig herausgewuchert hätte.
Er konnte, aber er mußte nicht. Er ist elend in Südamerika in einer Negerkneipe umgekommen.
Bei diesem Verhältnis des Könnens und nicht Müssens setzt etwas ein, wie ein Fäulnisprozeß. Der lebendige, organische Stoff verwest durch Mangel an Lüftung und Bewegung. Oder er verpufft, wie Pulver im Lauf, wenn kein Pfropfen drauf ist.
Der wahrhaft Begabte schafft sich sein Müssen aus moralischem Zwange selbst. Dem Können gegenüber, das er in sich empfindet als ein Talent, mit dem zu wuchern ihm vom Geiste auferlegt ist, richtet er selbst die Norm des Müssens auf. Und er schafft so künstlich das Verhältnis von Können und Müssen, dessen Auswirkung die Harmonie des Lebens, das Glück, bedeutet.
Es gibt aber auch die andern, die der Tragik des Könnensundnichtmüssens nicht entrinnen, aus Mangel an sittlicher Kraft. Sie sind die Edelboheme, die in Verlaine ihren Altarheiligen verehrt. Sie sind um so viel mehr, als der Hamlet unseres geschätzten Mitarbeiters zu bedauern, als das Können über dem Müssen steht. Denn Können bedeutet etwas für sich allein, während Müssen an und für sich wesenlos ist und nur durch das Objekt in die Welt des Gegenständlichen hineingelangt. Um etwas zu müssen, muß man es erst können. Muß man es, ohne es zu können, so hängt das Müssen in der Luft und es entsteht eben jener entsetzliche Zustand, in den unser Mitarbeiter den Prinzen von Dänemark hineinversetzt.