Von der Kreuzgasse, wo wir immer Klicker spielten, an der hohen Kirchhofmauer vorbei stieg die Dorfstraße leicht an, um dann den letzten Häusern ziemlich steil entgegenzufallen.
Vom Augenpunkt der kleinen Spieler ging eine Linie über den Scheitel des Straßenprofils bis zu den Hügeln vorm Dorf. Diese Linie war wie ein Schaukelbrett, das auf dem höchsten Punkt der Straße auflag. Je höher mit dem Alter des Individuums der Augenpunkt stieg, desto tiefer ging auf der andern Seite die Stelle herunter, an der die Sehlinie die Hügel traf, die den Horizont abschlossen.
Aber um die Hügel handelt es sich gar nicht. Sondern um die Großmutter.
Wenn wir Klicker spielten, kam sie vom Ende des Dorses, von den Hügeln her und ihre Gestalt stieg langsam über den Scheitelpunkt der Straße.
Sie kam nicht oft, ich weiß von zwei oder drei Mal, wo sie kam, während ich ein Kind war und Klicker spielte.
Sie war groß, schlank, ein wenig vornüber gebeugt. Ihre Züge waren groß, wie die Züge der Fischerfrauen auf der Insel Marken, von denen es heißt, ihre Gesichter seien auseinander gedehnt durch das stumm sehnende Verlangen, mit dem sie tagelang übers Meer ihren heimkehrenden Männern entgegen sehen.
Ihre Haare waren von dem Blond, das nie greis wird; sie lagen platt auf dem Scheitel und an den Schläfen. Sie trug immer die altmodische weiße Haube, deren frischgesteifte Krause einen freundlichen Rahmen um ihr Gesicht legte.
Erst stieg ihr Kopf über die horizontale Linie, hinter der die Straße abfiel.
Mit jedem Schritt rückte er höher.
Ein Spielkamerad sagte: Deine Großmutter kommt! Hinsehen, sie erkennen, die Klicker einsacken und ihr entgegenrennen war eins.
Sie hatte in der einen Hand ihren baumwollnen Regenschirm, in der andern die schwarze, große Handtasche aus Roßhaar.
Sie kam mit großen, schweren Schritten. Ihre leicht gebeugte Gestalt schob sich rhythmisch vorwärts. Wir sprangen sie jauchzend an, als wäre sie ein Baum, den nichts erschüttern kann. Sie küßte uns lächelnd der Reihe nach ab und zog, eines oder zwei von uns an jeder Hand, zuhause ein. Das Fest hatte begonnen.
Ich weiß gar nicht, ob wir unsere Großmutter so lieb hatten, wie es nach Obigem aussehen könnte. Haben Kinder überhaupt jemand lieb? Nach oben, meine ich. Geht die sogenannte Blutsliebe nicht immer nur von oben nach unten?
Sei dem, wie ihm wolle, die Ankunft der Großmutter wurde mit Jubel gefeiert. Solange sie da war, war Sonntag. Ihr Kommen löste allgemeine Amnestie aus. Eine Tracht Prügel, die fällig war, blieb in der Luft hängen. Der Löwe ruhte friedlich neben dem Lamm. Wir wurden zärtlich auch von Vater und Mutter im Diminutiv gerufen, damit die Großmutter meinte, wir seien wohlerzogene Kindlein, die ihren Eltern niemals Kummer machten, und tatsächlich sah allerhand, was sonst unfehlbar unter das Strafgesetz gefallen wäre, harmlos aus und wurde zur Not humoristisch gedeutet.
Die Freude am Besuch der Großmutter war mehr Sache des Gefühls, während der Besuch des Großvaters mehr materielle Genugtuung auslöste. Ein „Korrentchen“ war der gewöhnliche Tarif, in dem sein Wunsch, sich den Enkeln angenehm zu machen, zum Ausdruck kam. Auf der andern Seite hatte seine Anwesenheit im Elternhaus die wohltätige Wirkung, daß der Hang des Vaters zu ungesunder Neugier in Betracht des Privatlebens seiner Sprößlinge durch längere Partien Sechsundsechzig neutralisiert wurde. Also einerseits wirtschaftliche Förderung durch Kapitalzuwachs, andrerseits größere Freiheit in der Verwendung der Mittel.
So fielen denn regelmäßig in die Zeit der großväterlichen Besuche die schwereren Nikotinvergiftungen und Verletzungen bei der Verwendung von Schießbezw. Sprengpulver, deren Folgen dank der Kaltstellung der väterlichen Aufsicht und Strenge sich nicht allzu schmerzlich auswirkten.
Noch andere Verwandtenbesuche sind mir in angenehmer Erinnerung geblieben. Alle hatten das Schöne, daß während ihrer Dauer der Alltag einfestliche Färbung, einen versöhnlichen Einschlag hatte. Aber mit Großmutter und Großvater konnte ke anderes konkurrieren.